Monats-Archiv für März 2006

Geburtstagsgeschenk

Liebe AMPO-Freunde und -Unterstützer, Herzlichen Glückwunsch!

Genau heute vor zehn Jahren, am 29. März 1996 hat Katrin Rohde das Gute angefangen, welches heute mit über 300 Kindern und Jugendlichen und mehr als 80 Mitarbeitern zu einem “Vorzeigeprojekt der deutsch-burkinischen Entwicklungszusammenarbeit” (Zitat einer Angestellten der deutschen Botschaft) geworden ist. AMPO erlebt seinen zehnten Geburtstag und der Glauben an unser Motto Managré Nooma – Das Gute geht nie verloren ist in dieser langen Zeit zu einer Gewissheit geworden, die allen Beteiligten Mut und Zuversicht für viele weitere AMPO-Lebensjahre gibt.

Auch wenn die eigentliche Feier mit Tanzvorführungen, Spieleparcours, Modenschau, Theater, 15 Verkaufsständen, Bar, Café mit 28 selbstgebackenen Kuchen von Katrin Rohde, etc. erst am 1.April stattfinden wird, bekam AMPO schon heute ein sehr seltenes Geburtstagsgeschenk:

Um 8:00 Uhr ist noch der ganze Himmel grau verhangen. Die Direktorenkonferenz begrüßt Christine Adamou, die Direktorin des Mädchenwaisenhauses, die heute aus ihrem Schwangerschaftsurlaub zurückkommt. Dann werden überfällige Urlaubstage, die Ferienlager, die Verwendung einer neuen Großspende und andere Dinge des AMPO-Alltages besprochen. Gegen 8:15 steht einer auf, schaut an den Himmel und teilt den anderen mit: “Nichts zu sehen”. Um 8:30 ist dann alles besprochen, die Direktoren fahren zu ihren Projekten und alle kräftigen Männer, – Erzieher, Elektriker, Schreiner – die gerade in der Nähe sind, beginnen, die Präsentations-, Verkauf- und Spielstände für das kommende Fest aufzubauen. Dazu müssen jedoch erst 50cm tiefe Löcher in den Lateritboden gehackt werden, wobei wir kaum einen Unterschied merken, wenn mal ein Stück Beton im Weg ist. Bei dieser schweißtreibenden Arbeit unter der schon heißen Vormittagssonne habe ich schon beim dritten Loch die ersten Blasen an den Händen ? und wir brauchen 30! Zum Glück sind wir viele, die sich abwechseln können mit Hacken, Schaufeln, Ausmessen, Sägen und dem Aufstellen der Stände. Dennoch bin ich erstaunt, wie lange meine burkinischen Kollegen bei dem Wetter ohne Schatten durchhalten, oder liegt mein schlechtes Abschneiden doch nur an meiner leichten Erkältung und dem wenigen Schlaf nach dem vergangenen Nachtdienst?

Dann schaut wieder jemand zum Himmel. Durch ein gerußtes Glas, dass wir am Tag zuvor angefertigt haben. Alle lassen die Arbeit liegen und wollen auch gucken. Da fällt mir ein, wie ich mir als kleines Kind aus Disketten Sonnenbrillen bauen wollte. Also hole ich schnell eine Packung alte Disketten aus unserem Computerraum und schon können fast alle gucken: Eine Sonnenfinsternis! Nicht komplett, aber laut Vorhersage immerhin zu 85% verdeckt der Mond die Sonne. Und durch die tiefroten Diskettenscheiben verbrennen wir uns nicht gleich die Augen. Die meisten “Zuschauer” erleben dieses seltene Phänomen zum ersten Mal. Immer wieder müssen wir daran erinnern, nur kurz hinein zu gucken, denn wie viel Strahlung meine Noterfindung wirklich abfängt, wissen wir natürlich nicht. Die Begeisterung in den Gesichtern ist riesig. Einige zeigen auch einen Ausdruck von Erschrecken, Ehrfurcht.

Gegen Ende entdecke ich noch ein Geschenk für mich persönlich: Die Sonnenscheibe wird nun so verdeckt, dass sie wie ein Sichelmond in Deutschland aussieht. Nicht, wie hier, in der Form einer Wiege, sondern leicht schräg nach unten geöffnet. Schon zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit, dass sich die beiden Himmelskörper so ähneln.

Schon vor einigen Tagen antworteten einige Leute, denen ich von der bevorstehenden Sonnenfinsternis erzählt hatte, so was passiere hier eigentlich nachts, womit sie natürlich eine Mondfinsternis meinten. Nach hiesiger Tradition werden dann die ganze Nacht Trommeln geschlagen und Lieder gesungen, um die Katze, die der Mythe nach, den Mond gefressen hat, dazu zu bewegen, in wieder frei zu geben. Diesmal wurde die Sonne nach einigen Minuten wieder frei gegeben. Das vorher diffuse Licht wurde wieder gleißend hell und die leichte Kühle, die eingetreten war, verschwand mit jedem Hackenschlag merklich?

Liebe Grüße,

Matthias Schuchard

Zivildienstleistender bei AMPO


Das drittärmste Land der Welt ist ein religiöses Paradies

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(von Katrin Rohde)
Nun bin ich im Juni 13 Jahre lang eine Muslimin.

Ich, Katrin Rohde, evangelisch geboren und konfirmiert in Hamburg, inzwischen 57 Jahre alt, verneige mich fünfmal täglich in Richtung Mekka und weiß 24 Suraten auf arabisch auswendig. Ich bin fröhlich, gerne und aus voller Überzeugung Muslimin.

In Burkina Faso in Westafrika, wo ich lebe, nehmen wir unsere Religion ernst, aber wir lassen uns nicht durch falsche Auslegungen täuschen. Ich kenne weder Burka noch Tschador, Jeans und T-Shirt reichen — natürlich weder knalleng noch nabelfrei, aber das wäre in meinem Alter ohnehin nicht passend. Meine muslimischen Freundinnen sind Marktfrauen, Verkehrspolizistinnen, Schneiderinnen oder Ministerinnen. Sie haben volle Terminkalender, jede Menge Kinder, manche gehen abends tanzen, andere pauken für die Uni. Meine beste muslimische Freundin ist Psychologin — eine wunderbare und einfühlsame Frau. Ihr Mann kam gerade aus Mekka zurück und brachte mir als Geschenk ein Kleid mit: Nein, keinen Tschador, es ist fröhlich knallrot! An manchen Tagen brause ich, natürlich ohne Helm und unverschleiert, mit einem schweren Motorrad durch diese Stadt, die Imame und Bettler vor den Moscheen winken mir aufmunternd und lachend zu.

In diesem Land nehmen wir Muslime auch die anderen Religionen ernst, Bibel und Koran werden oft verglichen, schließlich ist Jesus gleichzeitig der berühmte Prophet Issa des Korans, in beiden heiligen Büchern wird aufeinander Bezug genommen. Jeder ist überzeugt, der besseren Religion zu folgen. Darüber wird oft diskutiert, aber nie gestritten. Wir machen fröhliche Witze übereinander. Wenn ich Christen zu Hause besuche, klopfe ich an und rufe laut: „Halleluja“. Die Antwort wird immer ein vergnügtes „Salamualeikum“ sein.

Es wird untereinander Handel getrieben, geheiratet oder miteinander verreist. Unsere älteste Tochter geht auf ein streng katholisches Gymnasium, obwohl sie Muslimin ist, denn der Unterricht ist dort am besten. Ich kenne eine Familie mit fünf Söhnen, zwei sind Muslime, zwei sind Katholiken und einer Protestant. Das entspricht im Übrigen so ungefähr der Statistik dieses Landes.

Ein beliebtes Sprichwort ist hier: „Gott ist Wasser, ob Du das aus einem Becher oder aus einem Eimer trinkst, ist ganz egal.“
Und wenn man jemanden nach seiner Religion fragt, gibt es, gleich bei welcher Antwort, nur ein gutmütiges Achselzucken: Es gibt ja sowieso nur einen Gott. Wie Du ihn nennst, ist Deine Sache.
Hier betet jeder, egal welcher Religion. Sowohl die Kirchen als auch die Moscheen sind überfüllt.

Gott wird in allen Gesprächen täglich oftmals erwähnt, dies ist es, was mir bei meinen Besuchen in Europa so fehlt: die selbstverständliche Annahme, dass wir alle gleichermaßen nach der Bibel oder dem Koran leben und eine starke Richtlinie haben, an der wir Halt finden. Ein europäischer Atheist wird hier nur Mitleid finden. Wir leben mit Gott, wir suchen seinen Segen und wissen um seine Macht: Es stirbt sich leicht in unseren Breitengraden, liegt es daran? Oder warum ist dieses arme Land, das drittärmste der Welt, in religiöser Hinsicht — das sage ich in voller Achtung und Respekt den anderen gegenüber — ein Paradies?

Natürlich gibt es auch in unserem zurückgebliebenen Lande das Fernsehen — aber nur wenige können es sich leisten, gemessen an der Bevölkerungszahl. Wir sind gut informiert durch Radio und Zeitungen, die meisten Afrikaner kennen sich sowieso in westlicher Geschichte weitaus besser aus als umgekehrt Europäer in afrikanischem Zeitgeschehen. Allerdings stehen wir eher verwundert vor politischen Hetztiraden aus dem westlichen und östlichen Ausland, denn Fanatismus findet hier nicht statt, zu unser aller großer Segen.

Dies ist das Land des Vergebens, immer und sofort wird beschwichtigt. Streitende werden getrennt, sobald ein respektierter, älterer Mensch erscheint, ein zufälliger Passant nur. Ganz selbstverständlich übernimmt dieser nun die Verantwortung und sieht sie als Verpflichtung. Sehr oft werden Konflikte mit der Bitte um Entschuldigung in aller Öffentlichkeit beigelegt. Hier findet alles draußen und vor den Nachbarn statt, jeder weiß alles über jeden. Derjenige, der stur bleibt, verliert sein Gesicht.

Und ist es nicht sowohl in christlichen als auch muslimischen Religionen Brauch und Sitte, Rat anzunehmen und danach zu handeln? Wir sind hier sehr arm, aber wir haben jeder eine Richtlinie, nach der wir leben. Ob Bibel oder Koran — in beiden heiligen Büchern ist das Ziel das gleiche: Frieden, Vergebung und unser aller gute Gemeinschaft, unabhängig von Herkunft oder Religion, sind unser Bestreben.
Oft bin ich stehengeblieben bei solchen Volksaufläufen, immer wieder hat dieses gleiche Verhaltensmuster stattgefunden. Am Ende sagt dann jeder erleichtert: „Merci Dieu” und geht seiner Wege. Der Name des Ratgebers wird weitererzählt, sein Ruf hallt weit. Jeder verneigt sich vor ihm, ob Christ oder Muslim.

Hört sich an wie im Paradies, nicht wahr? Wir sind zwar die letzten in der Weltwirtschaft, unterentwickelt und unalphabetisiert, wir haben eins der niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen und eine der höchsten Sterbequoten, aber im Glauben sind wir gemeinsam stark. Unabhängig, welcher Religion wir folgen, wir haben Anstand! Es trennt uns nichts.

Inshallah und Gott sei Dank!

(Quelle: Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag)