„Auf Bildern kann man alles sehen, bei Texten weiß man nicht, ob’s stimmt.“
(Dennis, 15 Jahre)
„Welt der Jugendlichen im Sucher: Was sie nicht können – das haben Jugendliche wie Dennis, Helena und Sandra schon oft genug zu hören bekommen. Jetzt zeigen sie, dass sie sehr wohl etwas können. Richtig gut fotografieren zum Beispiel. Damit geben sie Einblick in ihr Leben.“
So berichteten die Kieler Nachrichten am 18. April 2008 über den dritten Teil der Projektreihe “Ich sehe was, was Du nicht siehst. Ein visueller Brückenschlag zwischen Afrika und Europa mit dem Medium der digitalen Fotografie“. Neun Jugendliche, die nach ihrem Abschluss an der Förderschule oder abgebrochener Hauptschullaufbahn jetzt die NachSchule im Jugendaufbauwerk Schleswig-Stadt besuchen, haben wie ihre Vorgängerinnen und Vorgänger 2006 in Burkina Faso (Westafrika) ihre Lebenswelten mit der Digitalkamera festgehalten. Cathi Paulsen (17), Christian Schilke (19), Dennis Brandscheid (15), Eike Brumm (17), Helena Breitkreuz (18), Jacqueline Groener (17), Marlene Kiel (15), Sandra Großmann (16) und Viola Kiel (17) gingen im Rahmen des zweiwöchigen Workshops „Globales Lernen mit visuellen Medien und Internet: Entwicklungspolitische Bildungsarbeit mit benachteiligten Jugendlichen aus Schleswig-Holstein“ auf fotografische Entdeckungsreise. Dabei entdeckten sie nicht nur ihre tägliche Umgebung neu, sondern gewannen anhand der burkinischen Fotoserien ein neues Bild vom Alltag in einer afrikanischen Großstadt.
Nun können ihre Fotoarbeiten nicht nur in der vorliegenden Veröffentlichung, sondern auch auf der deutsch-burkinischen Internetgalerie (www.sahel.de) und im Rahmen einer Wanderausstellung in Burkina Faso, Deutschland und voraussichtlich auch in Frankreich betrachtet werden.
Sie zeigen uns in Bildern und Worten neue Sichtweisen jenseits des Gewohnten: Was wir sonst über sie und ihr Leben in Schleswig erfahren, das stammt meist aus dritter Hand. Hier aber erfahren wir, wie sie selbst die Dinge sehen – ganz nach dem Motto der Projektreihe: „Mam neeme bumpu fo sein pa ne. – Ich sehe was, was Du nicht siehst.“
Der Projektort: Schleswig
Das Jugendaufbauwerk Schleswig-Stadt (JAW) liegt im Nordosten Schleswig-Holsteins, dem „Land zwischen den Meeren“. Der nördlichste Teil Deutschlands grenzt an die Elbe, an Nord- und Ostsee sowie an Dänemark. Verglichen mit anderen Bundesländern ist die industrielle Infrastruktur eher schwach, die Landschaft dafür umso schöner und ein verhältnismäßig großer Anteil der Bevölkerung arbeitet in der Landwirtschaft und im Tourismus. In den Hafenstädten an der Ostsee spielen zudem Handel, Fährverkehr und Schiffbau eine Rolle. Darüber hinaus gilt die Kieler Woche als weltweit größte Veranstaltung des Segelsports.
Der Projektort Schleswig gilt als eines der kulturellen Zentren des Landes. Die kleine Stadt wurde 1946 von der neuen Landeshauptstadt Kiel als Regierungssitz abgelöst. 2004 feierte Schleswig, das 24.000 Einwohnerinnen und Einwohner hat, sein 1200-jähriges Jubiläum.
Globales Lernen – ein gesamtgesellschaftliches Projekt?
Eine gute Bildung ist in unserer heutigen, im hohen Maße von Informations- und Kommunikationstechnologie bestimmten Gesellschaft von steigender Bedeutung. Jugendliche, die die Hauptschule abgebrochenen haben bzw. über einen Förderschulabschluss verfügen, haben durch das JAW Schleswig-Stadt die Chance, einen Platz in der Gesellschaft und im Erwerbsleben zu finden. Die Einrichtung führt seit mehr als 50 Jahren den Erwerb beruflicher Handlungskompetenz durch Produktionsorientiertes Arbeiten durch. Die begleitende qualifizierte Unterstützung bei der Bewältigung persönlicher und familiärer Probleme stärkt die Gesamtpersönlichkeit.
In unserem Zeitalter der Globalisierung haben viele der teilnehmenden Jugendlichen von der Welt noch nicht viel gesehen, da sie bzw. ihre Eltern oft nur über ein sehr geringes Einkommen verfügen. Das Jugendaufbauwerk Schleswig-Stadt möchte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Berufsvorbereitenden Lehrgänge interkulturelles und globales Lernen als Teil der Persönlichkeitsbildung eröffnen.
Im Rahmen des dritten Teilprojektes „Globales Lernen mit modernen visuellen Medien – entwicklungspolitische Bildungsarbeit mit benachteiligten Jugendlichen aus Schleswig-Holstein“ wurden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern erfolgreich diese Inhalte vermittelt. Dabei hat das Gesamtprojekt zum Ziel, mit den interessierten Jugendlichen einen visuellen Austausch über Barrieren von Sprache und Kultur hinweg aufzubauen. Damit entspricht das Projekt der Agenda 21, dem umwelt- und entwicklungspolitischen Aktionsprogramm der Vereinten Nationen für das 21. Jahrhundert. Die Auswahl der Zielgruppe des Projektes geschah ganz im Sinne des „Verbandes Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen e.V.“ (VENRO): „Die Idee einer zukunftsfähigen Bürgergesellschaft darf nicht in die Falle geraten, zu einem elitären, exklusiven Projekt zu werden.“
„Die Sprache braucht nicht immer Worte.“ (Francois Mitterrand)
Wie lassen sich nun die anspruchsvollen Ziele der Projektreihe jenseits von „Frontalunterricht“ und kognitiv ausgerichteter Methoden erfolgreich umsetzen? Das von Natascha-Maria Meyenberg und Susanne Ludwig entwickelte Projektkonzept „Ich sehe was, was Du nicht siehst.“ ist darauf ausgerichtet, die neuen Möglichkeiten digitaler Fotografie im Kontext globalen Lernens modellhaft zu erproben. Der kurze Weg vom Motiv zum Bild auf einer digitalen Kamera fasziniert Alt wie Jung. Zudem ist diese Art der Fotografie kostengünstig und daher auch für Bevölkerungsgruppen mit geringem Einkommen interessant. Dieser Ansatz basiert auf der Kraft der Bilder. Bilder berühren uns auf der Ebene der Gefühle. Bilder sind eine Sprache jenseits der Worte und schaffen Zugänge zu den visuellen Anteilen einer Kultur.
Im Dialog mit der Digitalkamera
Der Workshop wurde im Februar und März 2008 erfolgreich von der Projektverantwortlichen Natascha-Maria Meyenberg, der Erzieherin und Mediengestalterin Anke Simon und der freischaffenden Künstlerin Simone Anton im Jugendaufbauwerk Schleswig-Stadt durchgeführt. Dabei befand sich das Projekt in zeitweiliger formeller Trägerschaft des Forum Kieler Zentrum e.V. In Schleswig gingen globales Lernen und digitale Fotografie Hand in Hand. Dies begann mit dem gemeinsamen Betrachten der burkinischen Bilderserien, welche eine nachhaltige Diskussion auslösten. Daraufhin bildete sich ein Kern von neun interessierten Jugendlichen heraus. Sie erlernten, wie ihre Vorgängerinnen und Vorgänger 2006 in Ouagadougou, die selbstständige Handhabung der Digitalkameras, Kartenlese- und Akkuladegeräte, die Archivierung der Fotos und die Grundlagen der digitalen Bildbearbeitung. Beispielhafte Inhalte dabei waren Bildkomposition, Licht und Schatten, Arbeiten mit dem Stativ, Portraitfotografie und die gemeinsame Entwicklung von Gruppenbildern sowie Bildauflösung, Zuschneiden oder Verfremden der Fotos am PC, Helligkeit und Kontrast. Zur Evaluation des Modellprojekts wurden von Natascha-Maria Meyenberg leitfadengestützte Interviews mit allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Workshops durchgeführt. Auszüge aus diesen Interviews finden Sie auf den persönlichen Seiten der Jugendlichen ergänzend zur jeweiligen Fotoauswahl in Katalog und Internetgalerie sowie auf der Wanderausstellung.
Auch wenn das Equipment streckenweise versagte und sich das Wetter mit morgendlichen Regengüssen nicht von seiner besten Seite zeigte, entwickelten die Jugendlichen des JAW eine ausgesprochene Begeisterung am Fotografieren. Die Möglichkeit, den Jugendlichen in Ouagadougou zu zeigen, wie sie hier leben und die eigenen Bilder in internationalem Rahmen zu präsentieren, spielte dabei eine Schlüsselrolle: Sie überlegten genau, was die Menschen in Afrika und Frankreich interessieren könnte. Fotografisch festgehalten wurden u.a. die Ausstellung „Malen wie Hundertwasser“ ihrer Berufsschule, Skateboard-Experimente und Gruppenausflüge in die Innenstadt Schleswigs, nach Kappeln und Arnis. Besonders wichtig war ihnen dabei, mögliche Missverständnisse über das Leben in Deutschland zu beseitigen. Viola bringt es auf den Punkt: „Ich möchte gerne zeigen, wie es hier aussieht. Weil sie vielleicht ein falsches Bild von uns haben, dass wir hier total reich sind, alles super prima läuft und es keine oder wenig sozial benachteiligte Jugendliche gibt…, aber die gibt es ja. Sehr viele sogar.“ Und hier schließt sich der Kreis, denn was sich die Jugendlichen aus Burkina Faso im September 2006 in Ouagadougou wünschten, war, mehr über Lebenswirklichkeiten von Jugendlichen mit ebenfalls schwierigen Hintergründen zu erfahren. Katalog, Internetgalerie und Wanderausstellung in Ouagadougou sollen dazu beitragen, diese Wünsche zu erfüllen.
Natascha-Maria Meyenberg


