Archiv der Kategorie 'Zivi-Rundbrief'

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Geburtstagsgeschenk

Liebe AMPO-Freunde und -Unterstützer, Herzlichen Glückwunsch!

Genau heute vor zehn Jahren, am 29. März 1996 hat Katrin Rohde das Gute angefangen, welches heute mit über 300 Kindern und Jugendlichen und mehr als 80 Mitarbeitern zu einem “Vorzeigeprojekt der deutsch-burkinischen Entwicklungszusammenarbeit” (Zitat einer Angestellten der deutschen Botschaft) geworden ist. AMPO erlebt seinen zehnten Geburtstag und der Glauben an unser Motto Managré Nooma – Das Gute geht nie verloren ist in dieser langen Zeit zu einer Gewissheit geworden, die allen Beteiligten Mut und Zuversicht für viele weitere AMPO-Lebensjahre gibt.

Auch wenn die eigentliche Feier mit Tanzvorführungen, Spieleparcours, Modenschau, Theater, 15 Verkaufsständen, Bar, Café mit 28 selbstgebackenen Kuchen von Katrin Rohde, etc. erst am 1.April stattfinden wird, bekam AMPO schon heute ein sehr seltenes Geburtstagsgeschenk:

Um 8:00 Uhr ist noch der ganze Himmel grau verhangen. Die Direktorenkonferenz begrüßt Christine Adamou, die Direktorin des Mädchenwaisenhauses, die heute aus ihrem Schwangerschaftsurlaub zurückkommt. Dann werden überfällige Urlaubstage, die Ferienlager, die Verwendung einer neuen Großspende und andere Dinge des AMPO-Alltages besprochen. Gegen 8:15 steht einer auf, schaut an den Himmel und teilt den anderen mit: “Nichts zu sehen”. Um 8:30 ist dann alles besprochen, die Direktoren fahren zu ihren Projekten und alle kräftigen Männer, – Erzieher, Elektriker, Schreiner – die gerade in der Nähe sind, beginnen, die Präsentations-, Verkauf- und Spielstände für das kommende Fest aufzubauen. Dazu müssen jedoch erst 50cm tiefe Löcher in den Lateritboden gehackt werden, wobei wir kaum einen Unterschied merken, wenn mal ein Stück Beton im Weg ist. Bei dieser schweißtreibenden Arbeit unter der schon heißen Vormittagssonne habe ich schon beim dritten Loch die ersten Blasen an den Händen ? und wir brauchen 30! Zum Glück sind wir viele, die sich abwechseln können mit Hacken, Schaufeln, Ausmessen, Sägen und dem Aufstellen der Stände. Dennoch bin ich erstaunt, wie lange meine burkinischen Kollegen bei dem Wetter ohne Schatten durchhalten, oder liegt mein schlechtes Abschneiden doch nur an meiner leichten Erkältung und dem wenigen Schlaf nach dem vergangenen Nachtdienst?

Dann schaut wieder jemand zum Himmel. Durch ein gerußtes Glas, dass wir am Tag zuvor angefertigt haben. Alle lassen die Arbeit liegen und wollen auch gucken. Da fällt mir ein, wie ich mir als kleines Kind aus Disketten Sonnenbrillen bauen wollte. Also hole ich schnell eine Packung alte Disketten aus unserem Computerraum und schon können fast alle gucken: Eine Sonnenfinsternis! Nicht komplett, aber laut Vorhersage immerhin zu 85% verdeckt der Mond die Sonne. Und durch die tiefroten Diskettenscheiben verbrennen wir uns nicht gleich die Augen. Die meisten “Zuschauer” erleben dieses seltene Phänomen zum ersten Mal. Immer wieder müssen wir daran erinnern, nur kurz hinein zu gucken, denn wie viel Strahlung meine Noterfindung wirklich abfängt, wissen wir natürlich nicht. Die Begeisterung in den Gesichtern ist riesig. Einige zeigen auch einen Ausdruck von Erschrecken, Ehrfurcht.

Gegen Ende entdecke ich noch ein Geschenk für mich persönlich: Die Sonnenscheibe wird nun so verdeckt, dass sie wie ein Sichelmond in Deutschland aussieht. Nicht, wie hier, in der Form einer Wiege, sondern leicht schräg nach unten geöffnet. Schon zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit, dass sich die beiden Himmelskörper so ähneln.

Schon vor einigen Tagen antworteten einige Leute, denen ich von der bevorstehenden Sonnenfinsternis erzählt hatte, so was passiere hier eigentlich nachts, womit sie natürlich eine Mondfinsternis meinten. Nach hiesiger Tradition werden dann die ganze Nacht Trommeln geschlagen und Lieder gesungen, um die Katze, die der Mythe nach, den Mond gefressen hat, dazu zu bewegen, in wieder frei zu geben. Diesmal wurde die Sonne nach einigen Minuten wieder frei gegeben. Das vorher diffuse Licht wurde wieder gleißend hell und die leichte Kühle, die eingetreten war, verschwand mit jedem Hackenschlag merklich?

Liebe Grüße,

Matthias Schuchard

Zivildienstleistender bei AMPO


Orden, Weihnachten, Tabaski…

Liebe AMPO-Freunde und -Unterstützer,

Nun will ich nach über zwei Monaten Winterpause mal wieder ein großes Stück Chronologie nachholen. Denn dass ich nicht berichtet habe, lag nicht daran, dass nichts passiert wäre, sondern eher andersrum daran, dass so viel passiert ist.

Das fing gleich nach meinem letzten Brief spektakulär an:

Am 11. Dezember, dem burkinischen Nationalfeiertag, werden traditionell die nationalen Orden vergeben. In der Residenz des Präsidenten tummeln sich dann Generäle, Minister, Wirtschaftsgrößen, – und dieses Jahr auch Katrin Rohde. Für ihre Verdienste um die Waisenkinder und andere Benachteiligte des Landes bekam sie den “Ritterorden für nationale Dienste”; die zweithöchste Auszeichnung, die hier offiziell an Zivilpersonen vergeben wird. Obwohl sie, wie es ihre Art ist, diese Ehre natürlich ständig herunterspielte, war es trotzdem ein Grund, richtig groß zu feiern. Neben den wichtigsten eigenen Landsleuten, die laut hiesiger Sitte bei einem solchen Anlass eingeladen werden müssen, profitierten davon natürlich auch wir alle, und zuallererst die AMPO-Kinder. Im weihnachtlich illuminierten Hof des Mädchenwaisenhauses wurden für die offiziellen Gäste und das Personal Getränke und kulinarische Köstlichkeiten aus dem AMPO-Restaurant serviert und die Kinder feierten ihre Tanzparty. Das fröhliche Nebeneinander dauerte aber angesichts der Anzugskraft der guten Stimmung auf der Tanzfläche nicht lange und von Botschafter bis Erzieher legten vom frühen Abend bis kurz vor Mitternacht fast alle noch die eine oder andere kesse Sohle aufs Parkett. Auch wenn die Geehrte sich aus der Auszeichnung nicht viel macht – Kinder und Mitarbeiter von AMPO hätten sicher nichts gegen noch einen Orden einzuwenden!

Nach diesem rauschenden Fest freuten sich alle auf das zwei Wochen später geplante Weihnachtsfeier, die, wie ich schon in Deutschland erfahren hatte, alle anderen Feste in den Schatten stellen sollte. Doch diesmal wurde uns die Freude am Feiern kurz vorher genommen. Am frühen Morgen des 23. Dezember starb zum ersten Mal in der fast 10-Jährigen Geschichte von AMPO eines unserer Kinder. Der 14-jährige Issaka Sawadogo, der schon seit einigen Wochen mit einer lange verschleppten Bilharziose im Krankenhaus gelegen hatte und erst wenige Tage vorher für einen Nachmittag seine Brüder und Schwestern bei AMPO besucht hatte, starb trotz bestmöglicher ärztlicher Versorgung an seiner Krankheit, nach dem sich sein Zustand am 22. Dezember plötzlich stark verschlechtert hatte.

Wie immer kam ich an diesem Morgen zu AMPO, doch jeder Besucher hätte sofort gespürt was passiert war. Einen ganzen Tag lang geschah nichts, das Büro blieb geschlossen. Jeder trauerte auf seine Weise, suchte den Zusammenhalt mit den besten Freunden, setzte sich schweigend in eine Ecke oder tauschte Eindrücke von dem, wie sich jetzt herausstellte, Abschiedsbesuch einige Tage vorher aus. So eine ehrliche, ruhige Trauer hatte ich bis dahin noch nirgendwo erlebt. Das ist wohl ein Teil von Afrika, der uns Europäer nur staunend stehen und zusehen lässt.

So wurde Weihnachten dieses Jahr nicht gefeiert. Am ersten Weihnachtstag wurde gegessen, was vorbereitet war und an Sylvester wurden die schon verpackten Geschenke an die Kinder verteilt. Natürlich haben sie sich gefreut und gelacht, aber eine Feststimmung kam zwischen diesen Jahren nicht auf. Auch die für Silvester von den größeren Jungs geplante Tanzparty wurde auf den April verschoben.

Das alles machte diese Zeit für mich natürlich nicht leichter. Plötzlich vermisste ich den vorher gehassten Vorweihnachtsrummel, das Lichterblinken, den Weihnachtsduft, und nicht zuletzt die Winterkälte. Da war es schön, mit dem Praktikanten Matthias, dem SEWA-Zivi Jann und deren Familien bei Wein und gutem Essen ein bisschen Heimat zu fühlen.

Vor Sylvester war ich dann schon wieder unterwegs, wovon ich viele schöne Eindrücke beschreiben könnte, aber wir sind ja hier erst im Dezember und es soll noch Platz für die Ereignisse bis heute bleiben. Also nur soviel: Zwischen Weihnachten und Silvester habe ich vier Wunderschöne Tage Urlaub in Banfora, im Südwesten Burkina Fasos verbracht. Jedem der mal nach Westafrika kommt, kann ich nur wärmstens empfehlen, sich Nilpferde, Wasserfälle und eine wunderschöne grüne Landschaft nicht entgehen zu lassen.

Meine erste Grillparty zu Silvester, mit gut zehn Leuten in meiner kleinen Wohnung, war danach der perfekte Anlass, um wieder in die Hauptstadt zu kommen. Das echte Hauptstadtflair habe ich noch nie so deutlich gesehen, wie zu diesem Jahreswechsel, als scheinbar jeder Einwohner von Ouagadougou auf dem Weg von einer Party zur nächsten war.

Weil hier Muslime und Christen alle ihre Feste gemeinsam feiern, gabs am 10. Januar dann schon den nächsten Feiertag: Tabaski, das Schafschlachtfest der Muslime. Was sich mit der Fernsehübertragung unglaublich riesiger Pilgerzüge aus Mekka ankündigte, war auch in Ouagadougou mit einigen tausend Menschen beim großen Gebet auf dem zentralen Platz der Stadt sehr eindruckvoll. Danach wurden auch bei AMPO zwei Böcke auf die traditionelle Weise geschlachtet und schon zum Mittagessen gab es das frischeste Lammfleisch zum Reis, das ich je gegessen habe.

Ende Januar flog dann mein Arbeits- und Freizeitgefährte Matthias leider schon zurück nach Deutschland. Bis dahin dachte ich, dann würde mein Leben hier vielleicht langweiliger, oder sogar einsam. Aber weit gefehlt: Mittlerweile fühle ich mich unter den Mitarbeitern von AMPO schon so wohl, so heimisch, dass ich aufpassen muss, auch mal eine Einladung abzulehnen und ein bisschen Ruhezeit für mich zu haben. Genauso geht es mir mit den Kindern, die mich ständig dazu bringen erst am späten Abend nach Hause zu fahren, weil sie noch mit mir Musik hören, Briefe schreiben oder einfach nur toben wollen. Da fällt es mir schwer, auch noch genug Zeit für burkinische, französische und deutsche Freunde aufzubringen und ich merke schon nach gut fünf Monaten, dass die geplanten dreizehn ziemlich kurz werden?

Liebe Grüße, Matthias Schuchard, Zivildienstleistender bei AMPO


Neues vom AMPO Zivi: Tondtenga, Seifenherstellung

Liebe AMPO-Freunde und -Unterstützer, liebe Freunde und Verwandte,
nun schreibe ich schon meinen dritten Rundbrief und bin über zwei Monate hier! In dieser Zeit ist verdammt viel passiert und ich habe sehr viel neues erlebt. Trotzdem kommt es mir vor, als könnte ich nach Hause fahren (will ich aber überhaupt nicht!) und es wäre wie nach einem zwei Wochen Urlaub. Die Zeit vergeht hier so rasend schnell, dass ich ohne es mir aufzuschreiben, niemals einordnen könnte, welches Erlebnis wie lange her ist. Alles könnte gestern gewesen sein…

Fast wirklich gestern war die große offizielle Eröffnung unseres neuesten Projektes: Der Landwirtschafts- und Viehzuchtschule Tondtenga. Es ist außerhalb der Waisenhäuser mit momentan 87 Jungen und 7 ha Land das mit Abstand größte Projekt. Da braucht es natürlich auch ordentlich Brimborium zum Einstand. Das hatten alle Mitarbeiter hier monatelang neben dem normalen Tagesprogramm geplant, vorbereitet und organisiert. Zuletzt blieb deswegen vieles an anderen Aufgaben liegen, aber es hat sich gelohnt:
In tiefer Finsternis wache ich auf. Schaue auf den Wecker: 4:35 h. Denke mir, das ist ja mitten in der Nacht und drehe mich nach einem Glas Wasser wieder um, um weiter zu schlafen. Da fällt mir ein, dass ja Samstag, der 12. November ist. Und mit einem kleinen Schrecken kommt die Erkenntnis dazu, dass es also keineswegs mitten in der Nacht ist, sondern in einer Viertelstunde mein Wecker klingelt!

So früh bin ich noch nie hier aufgestanden. Das fällt mir – als notorischem Langschläfer – auch ziemlich schwer, aber es macht sich bezahlt: Als ich um kurz vor sechs aus der Tür trete, ist es gerade ein Bisschen hell geworden. Und dabei noch so kühl, dass mein Mofa kaum anspringen will. Die Menschen sind der Sonne scheinbar noch nicht gefolgt und schlafen noch oder sind zumindest noch nicht auf der Straße zu sehen. Nur hier ein Mann, der Brennholz von einem Hof zum Nachbarn trägt; dort eine Frau, die ihr Fahrrad aus dem Tor schiebt; sonst Stille. Und dazu ein Licht, wie es so mild nur in der Abenddämmerung zu sehen ist. Nur dann ist die Luft voller Staub. Jetzt macht ein leichter Nebel das Atmen geradezu zum Genuss.

Bei AMPO angekommen, scheuchen die Erzieher schon die Kinder auf den LKW, mit dem wir wenige Minuten später – mit unverzeihlichen zehn Minuten Verspätung – nach Tondtenga aufbrechen. Aber die Verspätung hat unser Fahrer in der halben Stunde Fahrzeit locker wieder drin. Um diese Zeit ist auch auf den Hauptstraßen noch nicht viel los. Unter all den Kindern in dicken Jacken und Pullovern komme ich mir in meinem T-Shirt fast unangemessen vor! Aber die Unterschiede im Wärmeempfinden sind mir, spätestens seit einer unserer Nachtwächter gegen den Staub am helllichten Tage eine Wollmütze trägt, nichts Neues mehr.

In Tondtenga angekommen, komme ich mir wieder unpassend gekleidet vor. Alle Mitarbeiter und Helfer, die so früh schon da sind, haben ihre besten Kleider rausgesucht und erinnern mich an die Wichtigkeit dieses Tages für AMPO. Nach zwei Stunden Buffet hin- und herrichten, Kinder platzieren, Geschenke sortieren, und anderen Vorbereitungen kommen die wichtigen Gäste: Minister, Polizeipräsidenten, Botschafter, Regierungsrepräsentanten, etc. Während sich alle setzen und nach und nach die Gespräche leiser werden, beginnt das Programm mit einem traditionellen Tanz der Jungs von Tondtenga in selbst gebastelten Kostümen und Masken zu traditioneller Musik mit Trommeln und Gesang. Dann beginnt Samuel, unser Moderator, mit der offiziellen Begrüßung und der Ankündigung der ersten Redner. Zwischen Botschaftern auf Französisch, AMPO-Mitarbeitern auf Deutsch und dem Minister für Dezentralisierung mit einer umwerfend guten Rede auf beiden Sprachen, sorgen die unwahrscheinlich coole Hiphop-Gruppe “Das Stars” und unglaublich schnelle Akrobaten für Abwechslung.

Zum Schluss kommt Katrin Rohde, auf die vor allem die deutschen und luxemburgischen Gäste die ganze Zeit gewartet haben, und fügt noch als dritte Sprache More hinzu. Nach dem symbolischen Durchschneiden des weißen Bandes mit großem Applaus wird das Buffet eröffnet. Das soll exzellent gewesen sein, habe ich gehört… Und leider auch in der Menge sehr gut abgestimmt, so dass ich nicht das Glück hatte, nach allen offiziellen Gästen noch mehr als ein paar Küchlein aus der AMPO-Küche zu bekommen. Aber auch die kann ich jedem, der mal nach Ouagadougou kommt, nur wärmstens empfehlen!

Als Abschluss des offiziellen Programms werden nun noch alle Interessierten von Tondtenga-Jungs über das Gelände geführt und bekommen von Buschratten über Rinder bis zum Kohl alles gezeigt. Dann gibt es noch kleine Theaterstücke, Tänze der Frauen aus dem Nachbardorf und so klingt der Fest-Morgen langsam aus. Die eigentlich große Leistung unserer Küche folgt aber erst mittags:
Essen für 500 AMPO-Kinder, -Mitarbeiter und übrig gebliebene Gäste!

Auch wenn hier nicht jeden morgen ein Fest ist, scheint es hier für mich keinen Alltag zu geben. Sei es, dass ein Container mit Kleidern, Computern, Schreibsachen, Süßigkeiten, Waschpulver, etc. ankommt und ausgeräumt werden will, sei es, dass ich wie heute morgen in die Seifenmacherei von AMPO eingeladen werde, um mir die Produktion anzuschauen oder dass “nur” eine Praktikantin mich und alle anderen Praktikanten zum besten Couscous, den ich je gegessen habe, einlädt…

Irgendwie ist immer etwas los, was zum Standardprogramm aus E-Mails beantworten, Lampen reparieren und Briefe übersetzen dazu kommt. In letzter Zeit ist ein großer Teil davon die Erweiterung der AMPO-eigenen Seifenproduktion. Für 15.000 Euro soll auf einem neuen Terrain aus der Werkstatt für zehn Frauen eine kleine Seifenfabrik für 60 Frauen werden. Da gibt es viele interessante Fragen: Wie wird das Gelände bebaut? Wie werden die Arbeitsgruppen eingeteilt? Wie viele Sorten sollen hergestellt werden? Welche Seifenform und -Farbe verkauft sich am besten? Wie und wo sollen unsere Produkte vertrieben werden? So bekomme ich einen spannenden Einblick in die burkinische Wirtschaft, in der doch einiges anders läuft, als bei uns. Zumindest sind mir in Europa noch nicht viele Leute begegnet, die Zigaretten einzeln verkaufen…

Liebe Grüße!
Matthias Schuchard
Zivildienstleistender bei AMPO


Tonholen mit MIA-Mädchen

(von Julian)
Die Sonne brennt.
Wenn ich auf den Boden schaue, sehe ich keinen Schatten, außer dem vom eigenen Kopf.
Es ist high noon im Outback von Burkina!
Umringt von sechs MIA-Mädels sitze ich auf der Ladefläche des weißen AMPO-Pickups.
Abdoulaye, der durch das offene Fenster von Mama-Ton, einer Frau, die in der Gegend wohnt, mit kurzen Worten geleitet wird, chauffiert uns mitten durch die Pampa, ohne jeglichen erkennbaren Weg .
Wir haben eine Mission. – Ton für die MIA-Töpferei holen.
Immer wieder nimmt unser Auto eine für mich bedrohliche Schräglage ein, da rutscht mir beim Durchqueren eines der zahlreichen, ausgetrockneten Bachbetten schon mal das Herz in die Hose.
Aber die Mädels um mich herum lachen nur und hocken freihändig auf dem Boden der Ladefläche, während sie irgendwie einen Plastikbecher zu ihren Füßen balancierend Hülsenfrüchte (hier Néré genannt) schälen und den süßlichen, gelben Inhalt im Becher sammeln. Derweilen ich, mit beiden Händen am Geländer festgeklammert, versuche, stehend Gleichgewicht zu halten und etwas verkrampft zu einer mir angebotenen Néré greife.
Irgendwann kommen wir dann an einen Ort von dem ich mir sicher sein kann, alleine nie wieder zurück zu finden. Der Wagen wird im Schatten eines dieser weit ausladenden, typisch afrikanischen Akazien abgestellt und während ich noch etwas verspannt von der Ladefläche klettere haben sich die Mädels schon, mit Spitzhacken und Schaufeln gewappnet, schnatternd auf den Weg gemacht.
Nico und ich bleiben erst einmal im Schatten des Baumes sitzen und trinken einen Plastikbeutel Wasser.
Der halbausgetrocknete Körper reagiert bei dieser Hitze äußerst intensiv auf Flüssigkeitszunahme. Wenn ich länger nichts getrunken habe, hört mein Körper auf zu schwitzen, auch bei 45 Grad im Schatten. Nehme ich dann Wasser zu mir denkt er anscheinend, dass ich nun an einer unerschöpflichen Quelle frischen Wassers sitze und beginnt innerhalb weniger Sekunden all den aus Sparsamkeit nicht ausgeschwitzten Schweiß loszuwerden. Heißt: Unterarme, Hände, Gesicht, Finger, ja ich fürchte es gibt keine Körperregion, die dann nicht wie wild das eben eingenommene Nass rausdrückt. Wahrscheinlich sogar mehr als nur das, weshalb wir uns ernsthaft gefragt haben, ob Trinken wirklich von Nutzen ist…
Das schlechte Gewissen treibt uns aber nun doch zu den arbeitenden Mädels unter die Mittagssonne. Schließlich sind wir ja Männer und sollten uns nicht die Blöße geben, dass fünf Jahre jüngere Mädchen, die womöglich erst vor kurzem entbunden haben Bauarbeiterarbeit verrichten, während wir im Schatten sitzen.
Und es ist wirklich Knochenarbeit. Der Ton befindet sich nämlich nicht an der Oberfläche – klar das wäre zu einfach. Mit Spitzhacken bearbeiten die jungen Frauen eine fünfzig Zentimeter dicke, von der brennenden Sonne steinhart gebackene Erdschicht oberhalb des begehrten Tones. Dieser wird dann in kleine Stücke gehackt und mit Eimern zu bereitliegenden großen Säcken auf der Ladefläche des Pickups gebracht.
Nico und ich helfen mit, wie wir eben können.
Das ist nicht viel – und wird bei mir schnell mit Blasen an den Händen, weiteren Schweißausbrüchen und rotem Kopf belohnt.
Wo nehmen diese Mädchen die Kraft her, einige Zentner Ton und Erdmasse zu bewegen, – das alles noch in der knallenden Mittagssonne?
„Nächste Woche? Nein, das geht nicht“, sagt „Mama Ton“ in einer kurzen Verschnaufpause auf meine Frage, wann wieder Ton geholt würde, weil ich meine Kamera vergessen und gerne Bilder davon machen würde, „Der Ton ist nur an bestimmten Tagen da. Wir kommen erst wieder nächsten Monat hierher, nächste Woche würden wir keinen finden.“
Unlogisch für einen Europäer. Wieso sollte der Ton nächste Woche nicht da sein? Das ist doch Schwachsinn!

Wieso sieht es bei einer kleinen afrikanischen Frau aus, als würde der Eimer halb so viel wiegen, wie wenn ihn ein junger weißer Mann trägt?

Es muss ja nicht immer alles logisch sein – C’est l’Afrique


Geld-Transport

(von Julian)
“Julian!” ertönt ein Ruf aus dem Büro von Katrin. Als ich meinen Kopf zur Tür rein strecke meint sie, über einen Haufen Spenden von einer kanadischen Reisegruppe gebeugt: “Wir fahren Geld holen. Du bist heute mein Bodygard!”
Aha! – Vor mir sehe ich coole Kerle in schwarzen Anzügen mit Knopf im Ohr und einer vollautomatischen Maschinenpistole in der Hand – eben genau wie die Typen, die hier bei AMPO auf den Dächern saßen, als Madame Chirac zu Besuch war. Gerade gestern hatte Katrin davon erzählt.
Nun bleibt es leider bei kurzer Hose von H&M und typisch für alle Weißen hier – einem etwas verschmuddelten T-Shirt. – Wie sich die Afrikaner immer so blitzsauber halten ist mir auch nach drei Monaten noch ein Rätsel.
Dafür bekomme ich Verstärkung in Form meiner afrikanischen Kollegen Monsieur Aziz und Monsieur Ernest.
Die beiden gehen auf der Ladefläche von Katrins Pick-Up in Stellung während ich mich direkt neben die „VIP“ setze.
Zu viert machen wir uns auf in die Innenstadt Ouagadougous, um eine, für hiesige Verhältnisse, beachtliche Menge an Bargeld abzuholen.
Durch das Rückfenster der Fahrerkabine ist es mir gestattet ständigen Kontakt zu meinen beiden Kollegen zu halten.
Die Lage ist ruhig, – wir drei Bodygards haben alles im Griff.
Beim Geldinstitut angekommen, nehmen wir letzte Instruktionen von unserer Chefin an.
Wir haben das Auto und dessen Umgebung im Auge zu behalten und verdächtige Personen, die dort herumlungern zu beobachten.
Katrin macht sich mit einer schwarzen Tasche auf den Weg in das Gebäude.
Leider haben meine beiden Kollegen schnell den Duft der Straße, ihrer ehemaligen Heimat, geschnuppert und unterstützen ihren armen weißen Kollegen tatkräftig, indem sie Horden von Straßenverkäufern auf Moré heranrufen und mich gemeinsam mit ihnen zu überzeugen versuchen doch unbedingt die Raubkopie einer amerikanischen POP-Ikone zu kaufen. Schließlich bin ich ein Nassara, ein Weißer und habe viel Geld.
Die Lage wird etwas unübersichtlich, wie ich da im Pick-Up sitze, durch das offene Fenster und der Ladefläche von vielen, vielen Menschen in bunten Kleidern lautstark diverse Produkte angepriesen bekomme.
Antwortet man auf die Frage, ob man eine Handykarte kaufen möchte, dass man kein Handy hat, sagt der Kartenverkäufer man möge doch einen Moment warten, er hätte da einen Freund und würde schnell eins besorgen. Nach dutzenden Smalltalks dieser Art und nachdem ich vom T-Shirt über einen Ghettoblaster bis zur Bronzefigur alles angeboten bekommen habe, taucht Katrin wieder auf und wirft die schwarze Tasche auf meinen Schoß, ich möge sie hinter dem Rücksitz verstauen.
„So, alles fertig? Kinder hinten drauf? – Ach Julian, weißt Du eigentlich, dass Bananen das Beste sind?“ Spricht sie und kauft noch schnell vier Bananen aus einem Bastkorb, den ein junges Mädchen, gekleidet im orangen Festtagsgewand des achten März, dem Tag der Frau, vor mein Fenster hält.
Zwei davon wandern natürlich gleich nach hinten auf die Ladefläche, wo sich meine
„Verräter-Kollegen“ darüber hermachen.

Auf dem Rückweg irgendwo in den Straßen im Stadtzentrum klingelt Katrins Handy. Und natürlich befindet es sich in der schwarzen Tasche mit den gebündelten Zehntausendernoten Hinter Katrins Sitz.
Julian, der professionelle Bodygard, greift professionell hinter den Sitz und zieht die Tasche nach vorne. Dabei entleert sich der gesamte Inhalt äußerst unprofessionell über seinen Schoß und in den Fußraum des Beifahrersitzes. Katrin wirft einen kurzen Blick auf das Malheur und lächelt nur. Viel Aufmerksamkeit kann man als Fahrer im Straßenverkehr von Ouaga dem Innenleben eines Autos nicht schenken.
Zu allem Überfluss springt im selben Moment die vor uns liegende Ampel auf rot um.

Eine absurde Situation. Ich sitze mit Bargeld überhäuft in der Haupstadt eines der ärmsten Länder der Welt auf dem Beifahrersitz eines weißen Pick-Ups mit einigen Millionen CFA überhäuft. Keine zwei Meter entfernt stehen Straßenverkäufer und Bettler die vielleicht drei- oder vierhundert CFA am Tag verdienen. Wenn die wüssten was sich da im Fußraum des Autos mit offenem Fenster befindet…
Sie wissen es nicht.
Nach kurzem Bangen zeigt die Ampel wieder grünes Licht, wir fahren los und ich beginne das Geld in die Tasche zu stopfen.
Werde mir das mit der Berufslaufbahn als Bodygard noch mal überlegen.