Rundbrief

Ein Bericht über die Eröffnung des neuen Mädchenwaisenhauses am 15.9.99:

Eigentlich war es ein bißchen wie bei einer Olympiade: diverse Botschafter, Ministerabgesandte, Fernseh- und Radiojournalisten, die Vorstände der hier international vertretenen Hilfsorganisationen. Alle hatten unter dem Dach unseres großen Refektoriums Platz genommen. Dann marschierten alle Kinder, zur Zeit 118, gemeinsam ein, schüchtern und stolz zur gleichen Zeit, alle in neue T-Shirts gleich gekleidet, die Spende eines deutschen Gebers. Zu meinem großen Erstaunen standen alle Gäste auf und applaudierten! Auch ich war sehr gerührt, alle meine Schäfchen (auch die schwarzen) so blütenweiß und frisch gewaschen zu erleben – es ist selten genung der Fall, entweder sind wir hier rot von Staub oder von Matsch! Nun begann die Zeremonie. Die Frauentanzgruppe unseres Quartiers gab ein glänzende Vorstellung ihres Könnens, ganz umsonst, weil wir, wie sie sagten, „so oft ihre Kinder geheilt hätten“. Dann sprach die Fondatrice, die Gründerin, also ich, und diese flammende Rede wurde auch ganz im Fernsehen gezeigt. Natürlich habe ich mich zuerst bei allen unseren europäischen Gebern bedankt und darauf hingewiesen, daß unsere Projekte, zur Zeit sieben, in keinster Weise vom Staat, sondern ausschließlich von privater Hand gefördert werden – ein großer Unterschied zu allen anderen Hilfsprojekten hier.

Ich habe erklärt, daß der Verein Sahel e.V. in Deutschland allein in die Aufbereitung unseres Grundstückes, einer ehemaligen Müllkippe, viel Geld investiert hat. Die Baustelle selbst war sehr schwer zu bewirtschaften, da wir zur Zeit die schlimmste Regenzeit seit 1962 hier durchleben und somit ständig von den Fluten bedroht waren. Der Bau von allen Schlafräumen, Duschen und WC’s, Refektorium, Sekretariat, Gästezimmern, Lagerräumen, Waschplätzen und Küche hat weniger als DM 200.000.- gekostet. Von so einer Summe können andere Organisationen nur träumen, denn diese müssen Bauunternehmer einstellen, und das kostet mindestens das dreifache, meistens mehr. Da aber mein treuer Mitarbeiter Issaka und ich jeden Sack Zement einzeln gezählt und alles Material selber eingekauft haben, konnten wir dieses fantastische Ergebnis erzielen. Darauf sind wir auch sehr stolz! Trotzdem hat der Bau ein großes Loch in unser Spendenkonto gerissen und wir bitten alle Freunde unserer Kinder darum, es wieder aufzufüllen!

In meiner Rede habe ich auch öffentlich den Staat aufgefordert, die neben dem Waisenhaus noch verbliebene Müllkippe zu schließen und uns endlich richtige Straßen und Abwasserkanäle zu bauen. Auch das wurde gesendet.

Nach dieser Rede auf französisch habe ich noch eine kurze Rede in der Landessprache More gehalten – das wurde mit Beifallsrufen und begeistertem Trommeln aufgenommen. Es gibt hier nämlich kaum Europäer, die sich die Mühe machen, diese sehr schwere Sprache zu erlernen. Anschließend sangen alle Kinder ein fröhliches Lied, und Aminata, ein 12jähriges Mädchen, nahm mutig das Mikrofon und erwiderte meine Rede mit viel Dank an alle Spender. Danach sprach der deutsche Botschafter, Dr. Helmut Rau. Da er ohnehin begeistert ist von unseren Projekten, fiel es ihm nicht schwer! Er schnitt das rote Band durch – und die Party ging los! Es wurde stundenlang getanzt!

Ja, das war unser Eröffnungstag, und nun eine Woche später, sind unsere neuen Mädchen neu eingekleidet (natürlich aus unserem segensreichen Container) und haben schon den ersten Schultag hinter sich oder lernen in der Schneiderwerkstatt, im Laden oder im Restaurant.

Als ich gestern abend hinkam, war der Strom ausgefallen. Alle Mädchen saßen im Schein von Petroleumlampen, ich setzte mich dazu und nahm ein achtjähriges Mädchen auf den Schoß. Wir besprachen viel, und nach einer Weile merkte ich, daß der kleinen Ines die Tränen nur so herunterliefen. „Hast Du Heimweh nach deinem Großvater?“ fragte ich. Nein, sie hatte Bauchweh. Warum? Ihr Magen muß sich umgewöhnen. Ihr ganzes kleines Leben lang hatte sie nur alle 2 Tage eine richtige Mahlzeit bekommen! Nur jeden 2. Tag! Ja, das kann man sich in Deutschland gar nicht vorstellen, hier ist es bittere Wirklichkeit. Wir haben etliche Mädchen, die mit 15 oder 16 Jahren noch nie eine Schule besucht haben, aus Mangel an Schulgeld.

Nun suchen wir Paten für unsere Mädchen und auch für 9 neue Jungen, die wir gerade aufgenommen haben. Bitte, liebe Freunde und Spender, bleiben Sie uns gewogen. Ich weiß, in dieser Welt gibt es soviel Unglück. Oft wissen Sie bestimmt gar nicht, wohin Sie zuerst geben sollen. Aber ich weiß auch, daß hier in Burkina Faso mit diesen Kindern etwas sehr Gutes in Gang gesetzt worden ist, bitte helfen Sie weiterhin, zum Gelingen dieser langjährigen und voll auf die Zukunft abzielenden Aufgabe beizutragen. Wie immer danken wir Ihnen sehr herzlich und bitten Sie, einmal auf einen Tee bei uns vorbeizukommen, um sich von allen guten Dingen selbst zu überzeugen. Leider machen dies die wenigsten von Ihnen wahr, es muß wohl am langen Anfahrtsweg liegen! Aber immerhin einige waren schon hier, und auch ich komme im Dezember nach Deutschland und kann Ihnen alles persönlich erzählen. Zwischen Berlin und Norddeutschland sind noch Termine frei, Anmeldungen bei Frau Gorter.

So, auf Wiedersehen und Ihnen einen schönen Herbst, allen Segen aus Afrika von Ihrer

Katrin Rohde

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