Rundbrief

Liebe Freunde unserer AMPO-Kinder !
unsere Puppenspieler Nun ist wieder ein Vierteljahr vergangen – auf beiden Kontinenten rast die Zeit dahin : Kinder, die ich vor 6 Jahren krank und dünn zu mir nahm machen nun gerade ihren Führerschein und sind gelernte Mechaniker! Fertige Tischler und Schneider verlassen in diesem Monat ihre Brüder und lernen das selbstständige Leben in dieser Millionenstadt – gar nicht so einfach, wenn draußen schon die alten Freunde von der Straße bereitstehen.. Aber wir zählen auf die Gemeinschaft, jeder passt hier auf jeden auf und außerdem kontrollieren wir in unregelmäßigen Abständen, ob alle auch richtig zur Arbeit gehen und die Finger von den Drogen lassen – wir selbst sind hocherfreut über unsere geringe Ausfallquote, denn von 17 in Ehren entlassenen Jungen arbeiten 14 korrekt und bestreiten ihr Leben selbst. Am Sonntag kommen sie oft und haben dann für ihre Brüder statt der Drogen ein paar Bonbons in der Tasche.

Natürlich gibt es auch unerfreuliche Dinge zu berichten. Wir mussten einen Jungen wegen wiederholten Diebstahls vor die Tür setzen, wobei sein kleiner Bruder, der auch mit uns lebt, ein fleißiger Handwerker mit gutem Charakter ist – man kann eben nicht jedem helfen. So etwas tut mir immer sehr leid, aber bei so vielen Kindern müssen wir konsequent und streng sein. Gerade haben die Jungen ihren neuen Präsidenten für ein Jahr gewählt. Al-Hamdou ist ein verlässlicher ruhiger Junge, der auch einen offiziellen Sitz in unserem hiesigen Vereinsvorstand hat und die Belange seiner Brüder vertreten muss – dazu gehört Mut und Verstand !

Gestern haben alle 4 Kandidaten für die Mittlere Reife ihre Resultate bekommen: Andrea, Bintu, Sayouba und Sam Thomas haben es geschafft! Es herrscht ein freundlicher Leistungskampf zwischen den Mädchen und den Jungen, in beiden Waisenhäusern wird täglich Nachhilfeunterricht gegeben, denn das Schulsystem dieses Landes ist schlecht. 12 von den Großen gehen bereits auf das Gymnasium und ich finde vor allem die Mädchen erstaunlich ernsthaft dabei. Dies ist zu einem großen Teil ihrer phantastischen Direktorin, Christine Adamou, zu verdanken, die mit Strenge und Liebe ihre 40-köpfige Schar leitet – ich bewundere sie ohne Ende, sie ist klug und geduldig. So ganz nebenher hört sie sich noch täglich die Sorgen vieler Frauen und Mädchen an, die zu uns um Rat und Hilfe kommen. Meistens handelt es sich um Familienprobleme, Geldsorgen (die hier meist mit Krankheit und Tod zusammenhängen), frühe Schwangerschaft im Kindesalter (gerade haben wir den Kaiserschnitt eines 12-jährigen Mädchens bezahlt und versorgt), Nachsorge bei Krankheiten und Arbeitssuche. Wir fassen immer 5 Frauen und Mädchen zusammen und geben ihnen die finanzielle Möglichkeit, gemeinsam den Verkauf von Seife, Erdnüssen oder anderen Waren zu betreiben – wöchentlich müssen sie dann in kleinen Beträgen abzahlen und berichten wie es geht. Wegen des großen gegenseitigen Misstrauens arbeiten die Menschen hier sonst nicht in Gruppen zusammen, so ist dies eine gute Übung in Demokratie!

Alle, aber wirklich alle AMPO-Mädchen lernen als Pflichtfach, von mir persönlich verordnet, Karate. Wir nehmen das sehr ernst und haben gleichzeitig alle mächtig viel Spaß dabei, ihr Lehrer ist besonders nett. Selbst unser Enzephalitiskind kann inzwischen rechts von links unterscheiden, und alle stehen viel selbstsicherer auf ihren Füßen.. Zweimal wöchentlich ist Unterricht, einmal zuhause unter unserer großen Rundhütte, und einmal laufen sie alle zusammen zur Trainingshalle, dieses Bild sollten Sie einmal sehen: Unter dem blauen Himmel auf unseren knallroten Sandstraßen laufen lachend 40 Mädchen in blitzweißen Anzügen! Unser ganzes Quartier steht dann vor der Tür, aber sie kümmern sich überhaupt nicht um alle Kommentare – ist das nicht herrlich ?

Dieses Jahr habe ich das erste Mal AMPO für 6 Wochen verlassen müssen aufgrund einer Operation in Deutschland. Dabei hat sich herausgestellt, dass die Direktoren der einzelnen Projekte sehr zuverlässig und eigenverantwortlich gearbeitet haben – alle Entscheidungen haben sie gemeinsam getroffen und mir wöchentlich einen Bericht per Mail geschickt. Dieser Punkt ist mir sehr wichtig, denn daraus ist ersichtlich dass Afrika durchaus lernfähig ist, eine Tatsache, die in Europa oft angezweifelt wird.

Unsere beiden Buchhalter arbeiten zur Zeit bis in die Nächte, denn AMPO hat einen großen Schritt nach vorne getan und die Buchhaltung auf Computer umgestellt. Auch die Kinder haben ihren eigenen Computerraum mit geschenkten Rechnern aus Deutschland – inzwischen schreiben sie schon selbst Mails an ihre Onkeln und Tanten und an andere Waisenhäuser auf der Welt (natürlich mit vielen Fehlern, weil wie gesagt das Schulsystem..!). Ja, das sind riesige Schritte für ein Kind das vermutlich auf einem Zuckersack geboren wurde und bis zu seinem 12.Lebensjahr nur Petroleumlampen kannte! Aber auch in Burkina Faso ist die Zukunft nicht aufzuhalten und wir müssen an die Zukunft der Kinder denken. Tischler gibt es schon so viele, bei nach wie vor 83 % Analphabeten hat da jemand mit Computerkenntnissen schon eine echte Chance.

Trotzdem hinkt noch vieles in dieser Großstadt – unser Paket mit 96 Briefen der Kinder an die Paten ist im April verlorengegangen, bitte entschuldigen Sie uns. Und bitte: keine Schokolade oder Wachsstifte mehr schicken, alles zerfließt und verdirbt den restlichen Inhalt Ihres liebevoll gepackten Päckchens. Auch Fotoapparate sind keine guten Geschenke, denn die Folgekosten (ein Film und die Entwicklung kosten hier 28 DM) sind untragbar für ein Kind und auch für den Verein. Einige Weihnachstpakete sind erst im März gekommen, bitte nicht böse sein wenn die Kinder sich nicht bedanken, dann ist hier auch nichts angekommen, alles wird sorgsam registriert.Nach wie vor ist ihre Freude groß, selbst eine Ferienpostkarte wird hier jubelnd begrüßt.

Dieser Brief ist ein bisschen zerstückelt und unkonzentriert – das liegt daran, dass ich zwischendurch immer wieder ins Krankenhaus musste zu 5 kranken Babies aus einem Waisenhaus auf dem Lande. Sie wurden mit einer Ambulanz in die Hauptstadt gebracht und rund um die Uhr von 15 verschiedenen Helfern gemeinsam mit uns betreut. Eines ist gestorben, eines liegt noch dort, die anderen sind gesund entlassen, Gott sei Dank! Und Ihnen sei Dank, denn ohne Ihre Spenden ist so etwas gar nicht möglich, jede medizinische Behandlung ist hier unbezahlbar teuer!

Zum Abschluss erzähle ich eine kleine Geschichte: immer wenn die Jungs für 2-3 Tage auf der Farm sind, ist ihr absolut liebstes Essen und die Krönung schlechthin eine Dose Ölsardinen und ein halbes Meterbrot. Dieses Mal hatte ich das zu ihrem großen Bedauern nicht genehmigt, denn es ist teuer und wir sparen für unsere Ferien. Nun haben wir gestern mit 30 Kindern gemeinsam unser Auto aus einem Riesenschlammloch gebuddelt und anschließend den Weg instandgesetzt, eine Arbeit von fast 5 Stunden. Danach hielt ich eine kleine Ansprache, bedankte mich feierlich bei allen und benutzte eine hier gebräuchliche Redewendung: „Wendna yo yamba“ (das heißt soviel wie: Gott vergelte es Euch) – worauf ein tiefer Seufzer ertönte und der kleine Gilbert hoffnungsvoll mit seiner piepsigen Stimme sagte: „Ja, bitte mit einer Dose Ölsardinen !“….

Soviel zu Spaß, den wir hier haben ! Auch Ihnen einen fröhlichen Sommer, gute Gesundheit und bleiben Sie uns gewogen !
Wendna yo yamba !

Ihre Katrin Rohde aus Ouagadougou

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