Rundbrief

Liebe Freunde unserer Waisenkinder,

das AMPO Fußballteamnun wohne ich schon acht Jahre in Burkina Faso – Zeit, Ihnen einmal mehr zu sagen, wie dankbar ich Ihnen bin. Sie selbst, die diesen Brief gerade lesen, haben unendlich viel beigetragen zum Gelingen unserer täglichen vielfältigen Aufgaben hier in Ouagadougou, und ich will Ihnen sagen warum. Nach so langer aktiver Zeit in der „Entwicklungshilfe“ ist mir heute eins klar: um auf die richtige Art und Weise zu helfen, bedarf es eines langen Atems und einer großen Bescheidenheit in jeder Hinsicht. Große und sicherlich gut gemeinte Projekte scheitern oft an den Folgekosten, denn allein die Kosten für Strom, Wasser, ein Auto und Mopeds sind so hoch wie in Europa. Die Ernährung eines Menschen kostet nach wie vor nur einen Bruchteil dessen, was wir in Deutschland dafür ausgeben, aber natürlich sind wir auch sehr bescheiden, was das angeht. Zur Zeit bekommen unsere außerhalb wohnenden Lehrlinge pro Monat an Essen- und Seifengeld umgerechnet 16.50 Euro. Aber medizinische Behandlung, Schule, Bücher und Transport kosten viel Geld, und eben dieses Geld kommt stetig und treu von Ihnen, ganz alleine von den privaten Spendern für unser kleines „Königreich der Armen“! Sie in Deutschland und wir in Burkina Faso arbeiten gemeinsam an einer Zukunft für die Kinder, und nur und allein Ihnen ist zu verdanken, dass AMPO so lange durchhalten konnte und es hoffentlich noch lange tut! Das wollte ich Ihnen sagen : Dank für Ihre Treue!

Zur Zeit steht natürlich alles im Zeichen der Weltmeisterschaft! Hierher wird nachts oder am frühen Morgen übertragen, und kurz nach Sonnenaufgang, wenn ich bei AMPO ankomme, erreichen mich schon die Jubelschreie, wenn eine afrikanische Mannschaft ein Tor schießt – oder alle rennen verzweifelt über den Hof, wenn sie nicht gewonnen haben. In innere Konflikte kamen die Kinder, als Kamerun gegen Deutschland (für das alle schwärmen) spielte: für wen nun die Daumen drücken? Letztlich sind sie aber doch ihrer Herkunft treu geblieben!

Ja, wir haben Ferien, eine herrliche Zeit ist angebrochen, die dieses Jahr besonders schön ist, denn Claudia Simonis hat einen Gruppenplan erstellt, nach dem alle Kleinen täglich ein anderes Programm haben. Schnitzeljagd, Gesang, Lernspiele, Sport, Ausflüge und Tanz stehen auf dem Programm. Eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft stellt uns einmal in der Woche ihren Swimmingpool zur Verfügung – wie nett von ihr! Drachen fliegen, Bumerangs werden geworfen, darum kümmert sich unser Zivi Philip. Einmal in der Woche schlafen alle auf der Farm. Morgens gehen nun auch die Kleinen in die verschiedenen Ateliers und lernen wie man Knöpfe annäht, Holzwürfel herstellt oder Puppen schnitzt. Die Kinder sind vergnügt und gesund (für Kevin, 8 Jahre alt, ist es ganz unmöglich, über den Hof zu rennen, ohne dabei mindestens einmal ein Rad zu schlagen….), sie haben es sich aber auch durch die lange und hier harte Schulzeit verdient. Die Großen arbeiten wie gewohnt in ihren Lehrlingsberufen, im August fahren dann alle gemeinsam drei Wochen ins Feriencamp.

Im März ging es uns nicht so gut, denn eine schwere Meningitiswelle hatte Burkina Faso ergriffen. Zu dieser Zeit war ich gerade in Deutschland und bekam alarmierende Nachrichten. Eine neue Variante dieser Krankheit verlangte ein neues Impfmittel, und die deutsche Botschaft impfte sämtliche Deutschen nach – täglich gab es viele Tote. Unsere AMPO-Kinder waren zwar alle geimpft, aber mit dem alten Mittel, denn diese Entwicklung konnte niemand vorhersehen. Der neue Impfstoff kostete hier per Dosis 60 Euro und war auch kaum zu bekommen, die Reichen ließen ihn sich aus Europa einfliegen. Was tun? Reich sind wir auch, wenn es um das Leben unserer Kinder geht allemal! Ich besorgte also 200 Dosen Impfstoff, bekam sie in einer deutschen Apotheke billiger, und wollte nun selbst damit nach Burkina Faso fliegen, aber das erwies sich als schwierig. Die Luftlinie wollte die Medikamente nur auf Trockeneis und mit Gefahrenzulage transportieren. Da ich den Wert von 4000 Euro nicht aus der Hand geben wollte, transportierte ich alles in großen Kühlbehältern selbst, ein Riesenaufwand durch drei Flughäfen mit Kontrollen, Zoll und Übergepäck. Jeder sagte mir voraus, das dies niemals ginge, aber die Menschen erwiesen sich mal wieder als Engel: alle Piloten waren einverstanden, die Sicherheitskontrolleure wünschten mir Glück, die Stewardessen halfen beim Tragen, die burkinischen Zollinspektoren applaudierten bei meiner Ankunft: Ja, das Gute geht eben niemals verloren.

In einer beispiellosen Impfaktion mit der Hilfe meiner Freundin Dr. Werlein und zwei anderen Ärzten wurden am Morgen nach meiner nächtlichen Ankunft sämtliche Kinder und Angestellten durchgeimpft. Noch Wochen danach hatte ich täglich in der Quarantänestation des öffentlichen Krankenhauses zu tun, denn viele Kinder lagen dort mit Meningitis und ohne Begleitung – nicht alle haben es geschafft. Nach wie vor ist dieses Krankenhaus mein Alptraum, gerade letzte Woche wieder, als wir ein Kind mit unstillbaren Blutungen aufgrund einer Hepatitis eingeliefert hatten. Während ich nachts um 3 Uhr händeringend in der düsteren und dreckigen Blutbank stand, um den zuständigen Laboranten dazu zu bringen, mir einige Blutkonserven AB positiv zu Wucherpreisen herauszugeben, liefen mir doch tatsächlich dabei die Ratten über die Füße! Dies sind unhaltbare Zustände, aber das schon seit Jahren.

Erfreulich ist, dass nun bei AMPO dank der Hilfe eines hiesigen Arztes 4 neue Laboranten ausgebildet werden, ein feiner Beruf. Unser „erstes Mädchen draußen“ Absetta hat ihr erstes Jahr in der Krankenschwesternschule des Staates erfolgreich absolviert, die nächsten 5 Mädchen werden im September als fertige Schneiderinnen ins Leben entlassen. Auch bei den Jungen gibt es gute Nachrichten: vor 4 Jahren entließen wir Evariste, Idrissa und Raqueira als Schneider, seitdem haben sie draußen angestellt gearbeitet, aber zum 1. Juni dieses Jahres haben sie mutig gemeinsam eine Schneiderwerkstatt eröffnet, eigene Initiative! Beigesteuert hat finanziell Claudia Simonis, die wie viele andere unter unseren Freunden öfter Aktionen in Deutschland macht und uns dann mit diesem Geld unterstützt. Da gibt es Basare in Schulen, Püfferchen werden gebacken, Erlös aus Kinderbasteleien zusammengetragen, Sammlungen für Gartengeräte ins Leben gerufen – die Liste der Helfer ist unendlich lang. Gerade bekommt AMPO eine Solaranlage zum Aufheizen von Wasser, da die Morgende von Oktober bis Februar empfindlich kalt sind, eine Spende aus Deutschland. Auch ich kann nun wieder beitragen, denn das von mir geschriebene Buch erscheint Mitte August und der Verlag Kiepenheuer & Witsch gibt freundlicherweise einen Teil der Einkünfte pro Buch direkt an AMPO weiter.

Ich bin nun ein wenig entspannter, denn mit Claudia und Philip habe ich zwei echte Helfer an der Hand – sie fragen nicht lange, sie handeln. Das rein afrikanische Direktorengremium trifft alle Entscheidungen gemeinsam, manchmal komme ich mir schon direkt überflüssig vor! Allerdings habe ich gerade ein neues Projekt ins Leben gerufen, denn wir haben noch zu wenig getan für behinderte Mädchen und Frauen. Mit Hilfe der Deutschen Botschaft vor Ort konnten wir nun einen Umbau tätigen, und ab September kann bei uns das Seifenmachen und Weben von behinderten Frauen gelernt werden, in sechsmonatigen Kursen und mit Handwerkszeug, das unsere eigenen Schweißerbetriebe eigens für Behinderte erfunden haben. Diese Schweißer kommen alle aus Issakas Straßenjungenprojekt, auf sie bin ich ganz besonders stolz, denn fast alle waren drogenabhängig, bevor sie zu uns kamen. Heute stehen da fröhliche und aufrechte Kerle in der Werkstatt und pfeifen beim Arbeiten vor sich hin. Zur Zeit ist dort mein Lieblingsplatz!

Leider warten wir immer noch auf Regen, schon fast vier Wochen kommt er zu spät. In allen Kirchen und Moscheen beten täglich Tausende von Menschen dafür, denn ohne Ernte können wir nicht leben. Auch auf der Farm haben die Kinder die Felder vorbereitet, aber säen können wir erst nach dem ersten Regen, und im September ist schon wieder Schluss damit, hoffentlich reicht die Zeit aus.

Ich wünsche Ihnen allen einen guten und fröhlichen und gesunden Sommer!
Aus Ouagadougou grüßt

Katrin Rohde.

Beitrag weiterempfehlen