Rundbrief

Der erste Stein für das Mädchenhaus Mia. Am 25.2.2003 um 8 Uhr morgens, neben mir Issaka, die Maurer, die Drahtflechter, der Klempner, der SandlieferaLiebe AMPO-Freunde!

Gerade hatten wir für je zwei Wochen den ersten und auch den zweiten Vorsitzenden unseres Sahel-Vereines zu Besuch hier in Ouagadougou. Beide konnten sich endlich vor Ort davon überzeugen, was mit den so sorgfältig verwalteten Geldern aus Deutschland geschieht. Sie besichtigten jedes einzelne Projekt und flogen sehr befriedigt wieder nach Hause. Der erste Vorsitzende, Rechtsanwalt Jürgen Steinbrink, erwies sich als großartiger Kumpel der Kinder, er konnte gar nicht genug davon bekommen, täglich mit ihnen zu reden und – natürlich – Fußball zu spielen. Er amüsierte sich königlich, als ihn während eines heißen Ballwechsels einer unserer Kleinen kurzerhand mit dem Namen „Eierkopp“ belegte! Damit hatte er nicht gerechnet und verpasste prompt seinen Ball. Tja, was man als AMPO-Kind nicht alles so lernt bei unseren Praktikanten aus Deutschland! Wie schön, dass er sich als Kumpel der Kinder genauso wohl fühlte, wie als Honorarkonsul in offiziellen Gesprächen in Ministerien und Botschaften. Der zweite Vorsitzende Volker Maass hielt erfolgreich für eine Woche ein Seminar für Gruppenleiter bei uns. Alle Erzieher und viele der großen Kinder nahmen daran teil und lernten um die Wette. Entspanntes Lernen, so etwas gibt es hier sonst gar nicht! Die Bedeutung dieser internen Fortbildung wurde noch durch die Tatsache unterstrichen, dass alle 22 TeilnehmerInnen ihre Zertifikate aus der Hand der Ministerin für Menschenrechte, Frau Ilboudou, entgegennehmen konnten.

Unsere Krankenstation wurde im Dezember umgebaut und erweitert, der Staat stellt uns aufgrund der erwiesenen Dienste nun kostenlos drei Krankenpfleger zur Verfügung, sodass wir jetzt auch eine öffentliche Impfstation sind und Vor- und Nachsorge bei schwangeren Frauen übernehmen können. Dazu ist Familienplanung im Programm, wir sind stolz und dankbar, so vielen Menschen helfen zu können. – Wir kümmern uns seit Jahren um unbegleitete Kinder im Krankenhaus oder auch um solche, deren Eltern keinerlei Mittel mehr haben – vor zwei Wochen fanden wir dort drei verbrannte Kinder, dritten Grades, unter schrecklichen Umständen. Es gibt hier keinerlei Hauttransplantationen, alles muss so durchlitten werden, fast immer auch ohne Schmerzmittel. Ein Junge von sieben Jahren ist gleichzeitig Epileptiker und bekam fast täglich Anfälle und fiel aus dem Bett, wir dachten schon, seine großflächigen Wunden würden niemals heilen, aber dann konnten wir mit Gardenal eingreifen, nun wird es langsam besser. Zur Hilfe kam uns ein großzügiger Spender, ungenannt, der mir ein wunderbares Notkonto eingerichtet hat für solche Fälle, einfach so, nach der Lektüre meines Buches: ein Wunder und ein großer Segen für die Kinder.

Am 26.02.2003 wurden die ersten 5 Mädchen feierlich in ihre Selbstständigkeit entlassen.Eine norddeutsche Schule hat viel Geld gesammelt für ein solarbetriebenes Wasseraufheizgerät, sodass die Kinder sich in der kalten Zeit am Morgen nun gut waschen können – Katzenwäsche und Lungenentzündung Adé. Sowohl die Mädchen als auch die Jungen haben jetzt eine Schaukel. Weihnachten war natürlich wieder herrlich – wir hatten diesmal den kleinsten Weihnachtsmann in Burkina Faso bei uns, er fuhr unseren Pick-up, der als Riesenpaket verkleidet war, auf den Hof, obendrauf saßen zwei Engel mit großen Goldflügeln und gelben langen Wollhaaren , auch Knecht Ruprecht war anwesend. Die Kinder waren sprachlos, ein höchst seltenes Phänomen! Der kleine Weihnachtsmann war natürlich Claudia Simonis (die Kleinen rätselten: wie konnte ihr so schnell so ein langer Bart wachsen?), die anderen unser Zivi und einige Helfer. Alle kratzten sich beständig den Kopf und stöhnten: Nie wieder Wollhaare bei der Hitze! Claudia und ich hatten in wirklich wochenlanger Arbeit alle Pakete, die im Container gekommen waren, überprüft. Alle Päckchen waren so liebevoll gepackt, wir staunten nur so, und die Kinder waren hocherfreut. Seien Sie alle bedankt für dieses schöne Weihnachtserlebnis!

Unser Zivi Philip Mewes verließ uns Ende des Jahres – ihm Dank für viel Geduld und vollen Einsatz! Auch Claudia Simonis und Jens Blech sind nun wieder in Deutschland, die Kinder vermissen sie sehr und ich auch. Bescheidene Menschen gibt es selten, und dazu noch welche mit Herz und Mut wie diese beiden. Seid gesund und vergnügt, meine Lieben!

Der Ernst des Lebens ging wieder los mit der Schule, und prompt stellten wir fest, dass fast alle unsere Kleinen Nachhilfeunterricht brauchen – ihre Konzentrationsfähigkeit ist schlecht. Nun wird sich Mühe gegeben, hoffentlich bleibt es dabei, jedenfalls haben wir Gruppen gebildet, in denen wöchentlich der Stoff überarbeitet wird. Zu einem anderen Projekt ist gestern der erste Grundstein gelegt worden. Das „Mädchenhaus MIA“, benannt nach meinem Enkelkind, wird – Inshallah – im Juni seine Tore öffnen können. Ein von mir lange gehegter Traum wird wahr, denn viele Jahre tun wir uns schwer mit dem Problem: wohin mit jungen schwangeren Mädchen und Frauen, die aus ihrer Familie verstoßen werden! Hier bei den Mossi ist das üblich. Bislang konnten wir nur die medizinische Versorgung übernehmen, nun aber können die Mädchen gemeinsam betreut wohnen und ihre Kinder bei sich behalten, gleichzeitig entweder weiter zur Schule gehen oder ein Handwerk erlernen. Einige von ihnen werden Aids haben, sie sollen integriert mit allen gemeinsam leben.

Table de Honorable, der Minister für Alphabetisation umringt von den Damen der deutschen und amerikanischen Botschaft, dazu die Generalsekretärin der Morgen nun ist ein großer Tag für unsere Mädchen im Waisenhaus: die ersten fünf von ihnen werden in ihre Selbstständigkeit entlassen. Nun zeigt es sich, wie gut die Leiterin ihres Waisenhauses in weiser Voraussicht die Beziehungen zur Restfamilie über Jahre lebendig gehalten hat, denn alle kommen irgendwo unter in der Familie und haben einen Arbeitsplatz gefunden. Vier von ihnen sind Schneiderinnen, eine beendet gerade die staatliche Krankenschwesternschule und arbeitet ab dem nächsten Jahr in unserer eigenen Krankenstation – was für ein Glück. Zu dieser Zeremonie kommen das Fernsehen und etliche Größen der Stadt. Danach gibt es eine Modenschau mit den Modellen unserer jungen Schneiderinnen. Gleichzeitig ist dies ein Tag der offenen Tür und alle Handwerke zeigen ihr Können. Unsere Werkstätten produzieren auf Hochtouren, leider gibt es zu wenig Käufer in diesem armen Land, das zudem noch leiden muss unter der schlechten Situation in der Elfenbeinküste, praktisch alles wird gerade doppelt so teuer hier.

Wie immer mit großem Dank für alle guten Gaben und guten Gedanken an uns wünsche ich Ihnen einen fröhlichen Frühling in guter Gesundheit.

Ihre Katrin Rohde aus Ouagadougou

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