Alltag in Burkina Faso

Hallo alle zusammen!
(von Timo Nadolny)

Wisst ihr eigentlich, wie lange ich schon hier bin? Na dann schätzt doch mal. So im Stillen, jeder für sich. Die Antwort auf die Frage lautet: 6 Monate. Ein halbes Jahr bin ich nun schon hier! Also habe ich die Halbzeit jetzt erreicht. Ab jetzt geht es `bergabŽ, jetzt kann ich mir, jedes Mal wenn ich mal wieder krank werden, Arbeitsfrust haben oder Heimweh mich befallen sollte, immer sagen: Timo, die Hälfte hast du doch schon gemeistert. So viel erlebt und mitbekommen. Da wäre es doch gelacht, wenn du es die Restzeit nicht noch einmal krachen lassen könntest. Also habe ich mir vorgenommen, die verbleibende Zeit mit Elan und Begeisterung anzugehen und ein Maximum an Erfahrungen zu erleben und an Leistung zu bringen.

Zu diesem besonderen Anlass, habe ich mir auch ein paar Gedanken zu meinen wöchentlichen Berichten gemacht. Dabei ist mir eine Frage in den Sinn gekommen:

Ist meinen Lesern eigentlich bewusst, wie hier das `ganz normale LebenŽ aussieht? Bisher habe ich ja fast immer über mich und meine Erlebnisse geschrieben. Doch ich will auf jeden Fall vermeiden, dass ich nach einem Jahr zurückkomme und meine geschätzten Leser nicht sagen können: Doch, der Timo hat uns auch das Leben eines typischen Burkinabes näher gebracht. Daher hier nun einige Gedanken zu meinen Mitmenschen und meinem Gastland. Burkina Faso ist, auch wenn ich es sicherlich schon einmal erwähnt habe, laut dem UN-ranking, das 3. ärmste Land der Welt. Vor kurzem war mal wieder eine Besucherin bei AMPO. Ein 22-jähriges Mädchen, die hier für 10 Tage Urlaub macht. Bei den Gesprächen wurde mir so einiges bewusst. Sie lebt in einer ganz normalen burkinischen Familie und nicht wie ich, in einem eigenen Haus. In der Familie gibt es keinen Strom und kein fließendes Wasser. Das Essen wird gemeinschaftlich aus einer großen Schüssel gegessen. Sie erzählte mir von ihren ersten Eindrücken, wie sie auf dem Gepäckträger eines Mofas, Ouaga erlebt und es ihr schwer fällt, das alles zu realisieren. Mir wurde bewusst, wie das Leben um mich herum schon so normal geworden ist, dass mir dieser `ganz normale WahnsinnŽ des Straßenbildes gar nicht mehr bewusst wird. Sie erzählt, wie komisch sie sich fühlt, von den etlichen bettelnden Straßenjungs um Geld für etwas zu Essen gefragt zu werden, ohne dass sie in der Lage ist, jedem etwas zu geben. Mir fallen diese Jungen oft gar nicht mehr bewusst auf. Wann habe ich einen von ihnen, das letzte Mal ein bisschen Kleingeld gegeben? Sie erzählt von den ganzen Fußgängern und noch schlimmer: den ganzen Behinderten, den Rollstuhlfahrern, die sich nur langsam und Schritt für Schritt ihren Zielen nähern. Ich fahre Mofa, tanke alle 2 Tage für 1000 FCFA, das entspricht knapp 10 einfachen Mahlzeiten… Sie ist erstaunt, als sie die ganzen wartenden, kranken Menschen vor unserer AMPO-Krankenstation sieht. Seit langem wird mir wieder bewusst, was es heißt hier krank zu sein. Ohne Krankenversicherung. Eine Nacht in meinem `StammkrankenhausŽ kostet 15.000 FCFA, ohne Medikamente. Das entspricht knapp der Hälfte, des Monatseinkommen unseres Nachtwächters.

Doch was sie am meisten beeindruckt, ist die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, die in diesem Land, trotz dieser Armut, herrscht. Sie hat Recht. Jetzt wo ich endlich mal wieder darüber nachdenke. Ich dagegen hatte mich in letzter Zeit zunehmend darüber geärgert, wie viele falsche Freunde man hier hat. Damit meine ich Leute, die einen auf der Straße ansprechen und sagen, sie wollen deine Freunde sein. Die Brieffreundschaften haben wollen oder dass du sie auf etwas zu trinken einlädst. Darüber habe ich wirklich vergessen, wie viele tolle Menschen ich hier bereits kennen gelernt habe. In Zukunft werde ich euch von einigen dieser Menschen erzählen.

Insbesondere war sie auch beeindruckt von unseren Waisenhäusern (natürlich*g*). Von den Jungs und Mädels, die aufgeweckt und fröhlich um uns herum wuselten. Die Tatsache, das sie durch AMPO die Chance bekommen, sich im Leben zurecht zu finden. Mal wieder war ich dankbar, für meine Familie und all die Chancen die sie mir geben und ich, viel zu oft, als eine Selbstverständlichkeit hinnehme.

Man das war ja mal wieder ein `TränendrüsenberichtŽ, aber: cela vie. So ist es nun mal hier. Zum Abschluss noch ein kleiner Unterschied zwischen Burkina und Deutschland: Es war ja Weltfrauentag und selten war ich der emanzipierten Bewegung so dankbar wie an diesem Tag, denn ich hatte Arbeitsfrei und konnte ausschlafen! Zudem gehört es sich an diesem Tag, dass Männer für die Frauen kochen. Da wir ja ein Junggesellenhaushalt sind und daher keine Frauen im Hause haben, stellte uns dies vor ein kleines Problem. Kurzerhand beschlossen wir, unserer alten Familie einen Besuch abzustatten. Zu essen gab es dann leckeren Cuscus mit Soße. O.k. ich gebe es zu: Selbst gekocht war es nicht, dafür kam es von Herzen. Meine moralischen Bedenken machte dann Kaddy, meine alte Gastschwester, auch zunichte: Schließlich arbeitete in dem Imbiss, in dem wir den Cuscus eingekauft haben, ja Männer!

Nun verbleibe ich mal wieder

Mit den besten Grüßen aus Ouagadougou
Euer Timo

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