Ferienzeit

Hallo alle zusammen!
(von Timo Nadolny)

Ich habe ja nun schon öfter behauptet, dass ich nicht wüsste wie ich all meine Erlebnisse auf einmal in einen Bericht fassen kann. Doch diesmal ist es wirklich so! Nur es wird wohl ein langer Bericht werden, denn selektieren will ich nicht, da alle Erlebnisse erzählenswert sind. Außerdem können diejenigen, die keine Zeit/Lust haben sich durch den ganzen Bericht zu kämpfen ganz nach ihren Schmeckern und Gesteckern die einzelnen Abschnitte lesen. Oder eben auch nicht.

Also.

Die Kinder sind ja nun alle weg. Das soll natürlich nicht heißen, dass wir die Kinder alle weggeschickt haben, weil wir unsere Ruhe haben wollten. Im Gegenteil es ist gespenstig ruhig bei AMPO und ich vermisse meine Kids sehr. Allerdings genieße ich die Ruhe trotzdem ein klein wenig…… Die Mädels sind zurzeit auf einem Ferienlager in Kombissiri (dort wo ich letztens war) und danach werden sie ihre Familien (bei einigen die Großmutter, oder Tanten und Schwestern) besuchen. Bei den Jungs ist es genauso nur umgekehrt: Erst Familienbesuch dann Ferienlager.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ich damit auf einen Schlag alle Arbeit los wäre… Im Gegenteil – die kinderfreie Zeit haben wir intensiv benutzt um AMPO wieder so richtig auf Vordermann zu bringen.
Zunächst machten wir eine Tour um alle Mängel zusammenzutragen, die wir beheben sollten. Dann fing es an:
Wir verlegten eine komplett neue Stromversorgung, denn die alte trieb uns mit der Zeit immer mehr in den Wahnsinn. Genauso verhielt es sich mit der neuen Wasserleitung. Nun ist es hier ja aber nicht so, dass man diese Arbeit von Baggern abgenommen bekäme. Nein, da ist Manneskraft gefragt! Mit Spitzhacke und Spaten unter der afrikanischen Sonne schwitzen…Doch glücklicherweise ist ja Regenzeit und so kam uns ein Regenschauer zur Hilfe, der uns einerseits abkühlte und andererseits auch den Boden `willigerŽ machte. Jedenfalls hat es enorm Spaß gemacht und AMPO hat neue Strom- und Wasserleitungen. Übrigens hat unser Finanzchef Issaka das ganze Jahr für diese Reparaturen gespart, weil wir nämlich einmal nicht unseren großen Sahelbruder um Geld dafür bitten wollten und auch beweisen wollen, was wir selbst alles so schaffen!
Aber damit waren die Reparaturen noch nicht abgeschlossen. Nun ging es weiter mit Lampen, Türen, Tischen, Bänken etc. Abgesehen davon bekam der kleine Laden eine komplette Generalüberholung inklusive Kühlschrankreparatur verordnet.
Nun sind wir noch dabei einen maßstabgetreuen Plan anzulegen, damit man in Zukunft genau weiß, wo sich welches Rohr, welches Kabel und welches Magazin befinden.
Hierbei noch einen großen Dank an unsere Praktikantinnen Nadine und Léa, denn meine mangelhaften Befähigungen im Bereich ordentlich-genau-sauber-zeichnen-schreiben- machten die beiden locker wett.

Was mir bei den ganzen Reparaturtagen am meisten gefehl hatte, waren meine Jungs die mich sonst eigentlich immer auf Schritt und Tritt begleiten und mich dabei nerven, bei Laune halten, helfen und einfach toll sind. Doch Katrin hatte wohl ein Einsehen mit mir !

Ich sitze morgens im Büro am Computer und sehe Katrin mit ihrem Pickup vorfahren. Hinten drauf – Kinder. Da überlegte ich mir: Hm. Was issn das jetzt? Das sollte ich dann auch sogleich erfahren. Es handelte sich um 9 Straßenkinder, die Katrin von der Straße weggeholt hatte. Sie wurden von einem Bekannten informiert, dass eine Gruppe sehr junger Straßenjungen häufig vor JimmyŽs (die berühmteste Kneipe an der Hauptstraße) herumlungerten und sich niemand für sie zuständig fühle. Katrin schon. Also kam sie mit den Jungs bei uns an und ab da an war es mit der Ruhe (Gott sei Dank) auch schon wieder vorbei. Und mal wieder erfuhr ich, dass ich hier einfach nichts weiß. Dachte ich bisher unsere Waisen- und Straßenkinder seien wild, dann lernte ich jetzt `echte KerleŽ kennen. Die Jungs waren alle zwischen 8 und 13 und es ist einer härter als der andere. Ich sah und staunte wie meine Kollegen, die –teilweise selber Straßenkinder waren- jahrelang mit diesem Typ Kind Erfahrungen haben, wussten wie sie die Kinder zu nehmen hatten. Nun galt es die Kinder erst mal zu waschen, neue Kleider zu besorgen und ihnen die Taschen zu leeren, denn Drogen sind bei uns strikt verboten. Also wurden sämtlich Feuerzeuge, Valium, Stofftücher nebst Kleber einkassiert. Wer ernsthaft bei uns eine Chance haben will muss sich von diesen Dingen verabschieden, auch die 8-jährigen… Die Straßenjungs sind untereinander wild und rau. Noch nie habe ich so viele Streitereien und harte Prügeleien bei AMPO mitbekommen, die aber, dank meiner erfahrenen Kollegen, immer recht schnell beigelegt wurden. Doch nach außen sind die Jungs eine eingeschworene Gemeinschaft, das Leben auf der Straße scheint sie sehr zusammen zu schweißen. Dann ging es vor allem darum, die Geschichten von jedem einzelnen Kind herauszubekommen. Denn jedes Kind hat seine eigene Geschichte die es zu erforschen gilt. Warum lebt er auf der Straße? Gibt es keine Möglichkeit ihn bei seiner Familie unterzubringen? Was wäre nun das Beste für ihn? Da ist ein Kind aus Ghana, dass kein französisch spricht, das ist der kleinste von allen, der sein bestes gibt um sich mit seinem coolen Verhalten Respekt in dieser rauen Gemeinschaft zu schaffen, da sind Kinder die plötzlich wieder abhauen, weil der Ruf der Straße doch zu stark ist. Aber es gibt eben auch ein Kind, dass sich irgendwann von mir auf den Schoß nehmen ließ, da sind Kinder die lernten Danke zu sagen wenn sie etwas bekommen, da sind Kinder die lernen den anderen von ihrem Essen anzubieten (letztlich konnte ich immer satt nach Hause gehen, weil jeder einzelne darauf bestand, dass ich ein bisschen von seinem Essen probieren solle) und da sind auch Kinder die wieder zurück zu uns kamen…

Doch bevor ich dieses Erlebnis mit den Straßenkindern hatte, war ja auch noch unsere Betriebsfeier! Da nicht nur für die Kinder, sondern auch für den Großteil des Personals Ferien anstanden, musste das natürlich gefeiert werden. Zu diesem Zweck machte ich mich mit Zab, einem Kollegen, auf den Weg, ein geeignetes Bar-Dancing zu finden. Wir wurden fündig und so fand sich fast das ganze Personal einen Samstagabend in der EDEN-Bar ein.
Und dann ging es ab! Es wurde getanzt, getrunken und gelacht. Da fand ich mich plötzlich, wie ganz selbstverständlich auf der Tanzfläche und tanzte wild drauf los. Ich. Ohne Probleme. Allerdings konnte ich mir einen Lachanfall zur Situationskomik kaum verkneifen. Da steht ich in Ouagadougou auf einer Tanzfläche und schaue mich um: Alle tanzen fröhlich und ausgelassen und dann denke ich mir: Was für eine Mischung…Unsere sehr gut genährte (dicke) Köchin, die alten, weisen Nachtwächter, Issaka der Chef des Hauses nebst allen hohen Direktoren, der Arzt, Eduard (behinderter Leiter unserer Rollstuhlwerkstatt, in seinem Rollstuhl tanzend), die älteren Büromitarbeiter, die jungen Arbeitskollegen, die weißen Praktikantinnen und mittendrinn ich, der deutsche Zivi. Verrückt.
Irgendwann trennte sich dann trotzdem die Spreu vom Weizen, (bzw. alt von jung;-) und während die einen Richtung Bett marschierten, war unser Ziel ein kaltes Bier in der nächsten Kneipe. Nun, mehr erzähl ich nicht, nur dass mein Mofa das vorletzte war, dass den Parkplatz verließ;-)

Aber ich habe meine letzte Mail ja damit beendet, zu erwähnen, dass ich auf dem Weg nach Kombissiri, auf das Freizeitlager der Mädchen war. Kombissiri ist ein kleines Städtchen ca. 50 km von Ouaga entfernt. Die Kinder schlafen dort in einer Schule, etwas außerhalb mit vielen Bäumen, Platz, frischer Luft, ohne Verkehr. Alles Dinge, die in Ouaga nicht selbsterverständlich sind. Jedenfalls ist Kombissiri eindeutig in Mofa-Distanz. Ich verabredete mich mit Entreineur, dem Erzieher der Jungs, der – zusammen mit seiner Familie- ebenfalls die Mädels besuchen wollte. Nun ging ich ja davon aus, dass er mit seinem Mofa bei mir erscheinen würde… Doch während ich wartend auf unserer Terrasse sitze höre ich ein lautes Brummen und plötzlich steht er mit einem geliehenen fetten Motorrad in unserem Hof. Ups, da habe ich dann doch ein wenig klein auf meinem Supermofa ausgesehen! Jedenfalls ging es dann los und angekommen wurden wir mit lautem Jubel und Handschlägen begrüßt. In den folgenden drei Tagen war dann Freizeit angesagt. Endlich konnte ich Fußballspielen und dabei eine gute Figur machen (nicht das Frauen kein Fußball spielen könnten…) Wir probierten alle die neuen Spiele aus, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte: Federball, Ball über die Schnur, Mini-Tennis etc. Sonntags bekam ich dann auch noch Besuch von meiner Super-WG, die das Treiben auch mal kennen lernen wollten. Ansonsten machten wir noch eine Wanderung und (ACHTUNG: JETZT KOMMTS): ich habe stricken gelernt!!! Schließlich war ich mit den Mädels da und hatte mich daher auch so zu verhalten. So kam ich auch nicht darum herum Wassereimer von der Pumpstelle zu unserem Lager zu transportieren. Auf dem Kopf, versteht sich. Respekt vor diesen Frauen! Ich hatte ca. 300 Meter zurückzulegen und das ist hier ja nichts, aber ich war von oben bis unten nass, dank des Angstschweißes, des überschwippendem Wasser und dem Loch in dem Eimer. Dafür hatte ich mal wieder die Lacher auf meiner Seite und gute Laune verbreitet (natürlich auch für die anderen Frauen, die an der Wasserstelle warteten)…

So nun bin ich kaputt und der Rest kommt nächstes Mal!

Bis dahin alles Lieb und Gute aus Ouaga

Euer Timoinafrika@web.de

(Kleiner Zusatz von Katrin, die unseren kleinen Analphabeten wie immer korrigiert, damit die Leser nicht aus den Pantinen fallen:

Timo, wie werde ich Dich vermissen!!!)

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