Sommerferien, Mädchenhaus MIA…

Liebe Freunde im herbstlichen Deutschland,
Kevin und Seydou - eines von vielen Motiven aus unserem neuen AMPO Kalender 2005 hier meldet sich mal wieder das „kleine“ Waisenhaus in Westafrika, das dank Ihrer Unterstützung inzwischen gar nicht mehr so klein ist, wie anfänglich geplant!

Alle Kinder, zurzeit leben 150 Mädchen und Jungen mit uns, gehen in die Schule. Auch diejenigen, die ein Handwerk lernen, müssen entweder in unsere interne Morgenschule gehen oder Abendkurse besuchen. Gott sei Dank ist es uns dank Ihrer Spenden mal wieder gelungen, alle Kinder unterzubringen – keine kleine Ausgabe. Das Schulgeld für ein Kind in der 8. Klasse zum Beispiel ist nun gestiegen auf ca. 100.- Euro jährlich, dazu kommen Hefte, Bücher und Schuluniformen. Dank einer prima Sachspende aus Bayern konnten alle 150 AMPO – Kinder stolz mit schicken Ranzen losziehen! Da wurden noch schnell Socken hochgezogen, Nasen eingecremt, Fingernägel geschnitten und Schnürbänder ersetzt. Am Tage vorher waren wir mit allen ihre Schulwege abgegangen, damit sie wissen, wo man die gefährlichen Straßen überqueren muss und auch wie – der Verkehr hier ist mörderisch und Ampeln gibt es gerade dort nicht, wo sie dringend hingehörten. Wir danken auch für die vielen schönen Fahrräder, die unseren Collegeschülern den weiten Weg in die Stadt erleichtern. Wir sind froh, dass nach 4 Monaten Sommerferien wieder die Schule begonnen hat und somit alles in gewohnt geordneten Bahnen verläuft. Während der langen Ferienzeit verwildern natürlich alle Kinder und sehr viel gerät in Vergessenheit, wie z.B. das kleine Einmaleins. Doch in weiser Voraussicht beugt AMPO in den letzten 4 Wochen vor dem Schulanfang mit Nachhilfeunterricht vor.

Als gerade ganz am Anfang der langen Ferien alle AMPO – Jungen in ihren Dörfern waren gab es eine herbe Überraschung: ich wurde auf einen Schlag mit 9 kleinen Straßenjungen unter 12 Jahren beglückt – Katastrophe, sie waren im schlechtesten Zustand, krank, zu dünn und verlaust. Kaum einer sprach einige Worte französisch, alle hatten schon mehr als zwei Jahre auf der Straße gelebt. Wie immer waren sie anfangs von uns begeistert, später aber flohen 3 von ihnen wieder. Normalerweise fangen die Großen bei uns die Neuen auf, aber diesmal war ich wegen der Ferien ganz alleine zusammen mit unserem wunderbaren jungen Erzieher Boureima – es war über Wochen wahnsinnig anstrengend!

Befragt nach ihrer Familiensituation antwortete Samuel aus Ghana: No parents, only Grandma. Und warum er denn von dort geflüchtet sei: My Grandma donŽt give me no chop – auf breitem Ghana-Englisch: sie gab ihm nichts zu essen……Gleich zu Beginn hatten wir die Taschen der Jungen durchsucht und etliches an Drogen gefunden, ihnen einen langen Vortrag darüber gehalten, sie gefüttert und schlafen geschickt. Als ich am nächsten Morgen bei ihnen saß, schluckte der kleine magere Aziz, 7 Jahre alt, vor meinen Augen ganz verträumt gleich zwei Valium 5. Als ich ihn beschimpfte, fing er an zu weinen, kringelte sich auf meinem Schoß zusammen und schlief ein. Sie stritten von morgens bis abends, beleidigten sich gegenseitig und fielen übereinander her, aber wenn ich dann einen ausschließen wollte, standen sie zusammen wie aus einem Guss. Ich erzählte ihnen von nächtlichen Hexen und Kindermördern, von Messerstechereien (die sie alle schon erlebt hatten) und den Krankheitsfolgen schlechter Ernährung und Drogensucht, damit sie bei uns blieben. Sechs von ihnen (unter ihnen der kleine Aziz) sind gerade heute, nach 8 Wochen bei uns, stolz das erste Mal in ihrem Leben in die Schule gegangen. Alle Erzieher klatschten Beifall!

Apropos Erzieher: im Mai wurde von einer unabhängigen Expertin, die 3 Wochen hier war, eine Evaluation über alle unsere Einrichtungen erstellt. Gott sei Dank war das Ergebnis rundherum positiv, auch die Ratschläge der Expertin befolgen wir so gut, wie es die afrikanischen Verhältnisse zulassen. Darum gibt es jetzt in jedem Waisenhaus zwei Erzieher zusätzlich und wir suchen gerade einen Psychologen für unsere schwierigsten Fälle. Liebe Spender, gedenket unser! Das alles sind Kosten.

Im Mädchenhaus MIA leben inzwischen 24 junge Frauen mit ihren kleinen Kindern – sie zu besuchen ist immer eine große Freude. Wir haben gute Erfolge mit der traditionellen Behandlung von Aids, vornehmlich was offene großflächige Wunden angeht. Awa, ein Mädchen, das ich schon aufgegeben hatte (sie konnte nicht mehr gehen) und das nur wegen der unermüdlichen täglichen Waschungen und Verbandswechsel des Leiters Nana Souleyman überlebt hat, ist heute unsere beste Stickerin! Da sitzt sie nun mit ihren vernarbten Händen und stickt die allerkleinsten Stiche, und sie lächelt schüchtern…. Gerade hatten wir Besuch von einer Delegation der deutschen Regierung; die Experten waren begeistert und sagten, das Haus MIA sei das beste Beispiel für innovative Entwicklungshilfe. Gerne würde ich noch ein zweites Haus MIA bauen. Die Landwirtschaftsschule Tondtenga ist im Bau und soll im März eröffnet werden. Ende Oktober bin ich als Expertin zu einer internationalen Konferenz der Interpol eingeladen, es geht um Kinderhandel in Afrika.

Es ist doch beinahe unglaublich, wie sich unser Leitwort immer wieder bewahrheitet: Das Gute geht nicht verloren. Sie, unsere Spender, geben an den Verein Sahel e. V., der gibt es weiter an uns in AMPO in Ouagadougou, wir geben es weiter an die Kinder. Und diese AMPO – Kinder geben selber wieder ab, von ihren 15 Cent Taschengeld wöchentlich zweigt jedes Kind etwas ab, um eine kleine arme Schule im Süden Malis zu unterstützen. Und heute bauen sie gerade die eingestürzte Mauer unserer alten Nachbarin wieder auf. Wir können uns nicht beklagen, unsere Kinder haben die richtige Lebenseinstellung entwickelt. Und gerade haben meine Großen ausgerechnet, dass ich in ca. 5 Jahren mit ungefähr 300 Enkelkindern rechnen kann, nach der burkinischen Statistik – na!

Unseren Zivi Timo vermissen wir! Weit über seine Hausmeisterarbeit hinaus war er zu einem Teil von uns geworden; selbständig und vergnügt traf er seine Entscheidungen, konnte (wie selten ist das!) über sich selbst lachen, bewältigte gleichzeitig die vielfältigen Kultureindrücke und die Tatsache, dass Afrika mit seinen vielen Tragödien und Notlösungen, doch immer wieder aufsteht und überlebt, täglich wieder.
Täglich wieder wünsche ich auch Ihnen, liebe Freunde und liebe Spender, ein gutes Maß an Lebensfreude und Gesundheit!

Ihre Katrin Rohde aus Ouagadougou

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