Der neue Zivi stellt sich vor

Hier spricht Nico, der neue AMPO-Zivi!
(von Nico Lehrbach)
Nun ist inzwischen mehr als ein Monat vergangen, seit der letzte Bericht des AMPO-Zivis, seinerzeit Timo, erschienen ist. Burkina die 41. Mit 41 Berichten also hat Timo die Interessenten verwöhnt, nahezu wöchentlich schrieb er über seine Arbeit und seine Erfahrungen in Afrika. Ein nicht ganz unerheblicher Aufwand, wie mir in letzter Zeit immer bewusster wird. Denn nun liegen die Erwartungen an mich hoch. Sechs Wochen zwischen zwei Berichten, das hat Timo sich selten erlaubt.

Ohnehin hat Timo mir die Arbeit in Burkina Faso keineswegs erleichtert. Nicht nur, dass wir lediglich eine gemeinsame Woche hatten, um mir den Einstieg in eine andere Welt zu erleichtern. Nein, in dieser Woche überhäufte er mich mit Dingen, die ich wissen muss, kennen muss, mir merken soll und auf keinen Fall vergessen darf. Er stellte mir, so glaube ich, jeden Einwohner Burkinas vor, nannte mir seinen Namen, woher er ihn kennt und was er über ihn denkt. Nicht ganz in der Lage, mir so viel in so kurzer Zeit zu merken, verschwanden sogar ganze Gesichter aus meinem Gedächtnis. Und so kam es zu einer interessanten Begegnung mit einem Menschen, den ich zuerst glaubte, nie gesehen zu haben und später, als er mich dann mit meinem Namen ansprach für den aufdringlichen Seifenverkäufer hielt, der mir eine Woche zuvor nicht nur Seife verkaufen wollte, sondern nach dem gelungenen Deal gerne unser Freund werden wollte. Doch der Mann, der vor uns stand entpuppte sich als der Besitzer des Hauses, in dem wir wohnen. Natürlich erkannte ich ihn im Moment der Erkenntnis wieder, Timo hatte nicht vergessen, mir unseren Vermieter vorzustellen.

Ohnehin gibt es wenige Dinge, die Timo mir nicht mitgeteilt hat. Und mit seiner lockeren, offenen und vor allem unglaublich ehrlichen Art habe ich ihn in der kurzen, anstrengenden Zeit sehr schnell lieb gewonnen. Er hat mir auch gar keine andere Wahl gelassen, so wie er wahrscheinlich nur sehr wenigen Menschen diese Wahl schwer fallen lässt. Und da kommen wir nämlich auch schon zu meinem nächsten Problem:

Ich habe den Eindruck, Timo war das Beste, was AMPO passieren konnte. Seine Arbeit für AMPO wird von jedem nur hoch gelobt. Und diese Nachfolge anzutreten ist nicht einfach. Dazu erschwerten mir sprachlich Schwierigkeiten und gesundheitliche Probleme während des ersten Monats den Einstieg erheblich. AMPO leidet unter dem Ziviwechsel momentan etwas, was mir unheimlich Leid tut, und ich zu ändern versuche. Und ich denke, die größten Schwierigkeiten inzwischen überwunden zu haben, es geht vorwärts. Mit diesem ersten Bericht, der lange genug auf sich warten ließ, mit Englischkursen für die Kinder bei AMPO, geplanten Musik- und Computerprojekten. Oder einfach damit, den Kindern durch Fußball (bei den Jungs) oder Tanzen (bei den Mädchen, dort wird ständig getanzt) eine Freude zu machen/sie zu belustigen. Außerdem hat das „Magazin Vetements“, der Raum, in dem die Kleiderspenden bis zur Ausgabe an die Kinder gelagert werden, wieder ein wenig Ordnung bekommen und ist unglaublich viel Staub losgeworden. Staub, der sich jetzt in unseren Lungen befindet. Das Magazin Vetements hat nämlich leider kein Fenster und nur eine Tür, zu klein, allen aufgewirbelten Dreck hinauszulassen…

Aber ich bin ja nicht nur bei AMPO, ich bin ja auch in Afrika. Nicht, dass AMPO Europa wäre oder ähnliches, ganz und gar nicht. Außerhalb der Waisenhäuser gibt es jedoch eine noch größere, weitere Welt zu entdecken.

Der gemeinsame Nenner zweier Afrikaliebenden Menschen bei der Frage, was sie denn nach Afrika ziehe, war „der Geruch“. Dies bekam ich irgendwann einmal mit, lange bevor ich nach Burkina reiste. Diese Worte noch im Hinterkopf stieg ich also am ersten September, so gegen vier Uhr Morgens, nach einer anstrengenden Reise aus dem Flugzeug in Ouagadougou. Es war dunkel, warm und unheimlich schwül. Und es roch. Es roch nach Afrika. Keine Ahnung, wie Afrika riechen soll, um nach Afrika zu riechen, aber der Geruch, den ich aufnahm konnte nur Afrika sein. Am Anfang ziemlich neu und aufregend, ging er mir nach ein zwei Tagen ziemlich auf den Geist. Aber man gewöhnt sich ja an alles, es dauerte auch gar nicht lange, da bemerkte ich ihn gar nicht mehr. Ich bin mal gespannt, ob ich ihn vermissen werde, wenn ich irgendwann wieder in Deutschland sein werde.

Deutschland… Einerseits unglaublich weit weg. Andererseits aber immer wieder Gesprächsthema. Gerade beim traditionell-afrikanischen Teetrinken. Teezubereiten wäre wahrscheinlich der treffendere Ausdruck. Während der ca. eineinhalbstündigen Prozedur werden pro Person lediglich zwei Gläser mit jeweils maximal 2cl starkem grünen Tee konsumiert. Doch die primäre Partizipationsmotivation ist das Zusammentreffen der Nachbarschaft und dem Teilen und Kommunizieren. Zum Beispiel über Deutschland. Denn wie die Welt in Deutschland aussieht, wie die Menschen dort sind und was man dort über Deutschland denkt, ist für die Afrikaner unglaublich interessant. Doch so einseitig das Bild der Europäer von Afrika ist (wer hätte gedacht, dass ich hier in Ouaga das mit Abstand leckerste Hühnchen meiner bisherigen Karriere verspeiste, das originale Nutella in drei verschiedenen Größen erhältlich ist und Behinderte hier gesellschaftlich deutlich besser Integriert sind, als man es von Deutschland kennt?), so unvollständig ist auch das Bild von Deutschland, mit dem ich regelmäßig konfrontiert werde. Hitler ist hier fast jedem ein Begriff, als ich zu der Mauer befragt wurde, die den Ostdeutschland von dem Rest Deutschlands trennt und antwortete „das ist vorbei“, war die Reaktion „die Mauer ist schon fertig?“ Andererseits wissen viele hier gerade über deutsche Fußballclubs besser Bescheid, als der Durchschnittsdeutsche. Mit Abstand am häufigsten höre ich aber „Deutschland… da ist doch das Bierfest! Im Oktober!“. Jedes Mal fällt mir die Geschichte eines Freundes ein, der bei einem Schüleraustausch in den USA seinen Mitschülern erzählte, in Deutschland gebe es zwei Wasserhähne, einen für Wasser, einen für Bier, und damit auf staunen, jedoch Glauben stieß. Erzählte ich eines Tees also von den leichtgläubigen Amerikanern und amüsierte mich prächtig. Die ungläubige Frage am Ende meiner Geschichte: „Aber es gibt doch auch einen Hahn für Bier in den Häusern in Deutschland, oder?“. Ein scheinbar beliebtes Gerücht.

Der Tee also, ein sehr gemütliches, kommunikatives und geselliges Zusammentreffen, das gute Nachbarschaften und Freundschaften entstehen lässt, wahre Verbundenheit, und mir sehr gut gefällt. Inzwischen lerne ich das Ritual der Zubereitung (bei Inkorrektheit gibt es schon mal Magenbeschwerden), um einen guten Teil Afrika eines Tages nach Deutschland importieren zu können :-)

Soviel fürs erste, bis zum nächsten Mal, und schöne Grüße!

Nico

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