Ich grüße alle Geduldigen

(von Nico)
Ich grüße alle Geduldigen, die bestimmt schon nicht mehr an weitere Berichte meiner Erlebnisse in und um Ouagadougou glaub(t)en. Hier bin ich wieder ;-)

Es ist ja durchaus nicht so, dass ich nichts zu erzählen hätte, im Gegenteil. Ich müsste eigentlich bei Weihnachten anfangen, die Sylvesterfeier erwähnen, von Besuchen guter AMPO-Freunde und -Mitarbeiter berichten, mit Kinderfesten, Übersetzungsarbeit, von Praktikantenankünften und – abreisen, glücklichen und traurigen Menschen, oder einfach das Leben in Afrika, wie es mir immer vertrauter, nie jedoch ohne große und kleine Überraschungen begegnet, beschreiben.

Von meinen Vorfreuden das Weihnachtsfest betreffend habe ich ja bereits berichtet, und jetzt, wo auch in Ouagadougou keine (Plastik-)Tannenbäume mehr verkauft werden, und die weihnachtlichen Lichterketten seltener geworden sind, das Fest also nicht mehr so präsent ist, möchte ich wieder damit anfangen, und wenigstens ein paar Eindrücke von einem einmaligen Abend schildern. Bevor wir jedoch Weihnachten feiern konnten, kam am 24.12. morgens um etwa 8 Uhr ein LKW mit zwei Containern bei AMPO vorbei, um diese schnell (mal eben so!) zu entleeren. Darin befanden sich auch die Weihnachtsgeschenke für alle 150 Kinder von AMPO, von ihren Pateneltern aus Deutschland bereits lange vorher auf die Reise geschickt. Diese mussten herausgefiltert und zugeordnet, kurz untersucht und für die Übergabe vorbereitet werden. Dies übernahm Katrin persönlich bei sich zu Hause. Wie sie es schaffte, diese Arbeit pünktlich bis zum Abend zu beenden? Jedes Kind notfalls auch mit einem Ausweichgeschenk auszustatten (falls jemand kein Paket bekommen hatte), und wirklich niemanden zu vergessen? Ich war in diesem Fall nicht dabei, weiß aber, dass man sich solche Fragen bei Katrin regelmäßig stellen muss: wie schafft sie es?

Was ist aber sonst noch in zwei Containern aus Deutschland, bestimmt für AMPO? Ich wusste von den Weihnachtsgeschenken, hatte gehört, das diverse Kleiderspenden vorzufinden sein werden, sonst aber keine Ahnung, war es doch mein erster (und zweiter :-) Container seit ich hier bin. Jedoch habe ich gelernt, mich bei der Zusammenarbeit von AMPO und Sahel über nichts mehr zu wundern. So wurden aus den diversen Kleiderspenden Mengen, über die jedes Bekleidungsgeschäft meiner Heimat und Umgebung neidisch geworden wäre, Medikamente türmten sich zu fast ähnlichen Bergen auf, (kaputte) Fahrräder waren nicht seltener, viele, viele Schulranzen, vollgepackt mit Überraschungen tauchten auf, – es war wie Weihnachten

Genau das wurde am Abend dann auch gefeiert. Es fanden sich alle ca. 150 Kinder aus den verschiedenen Projekten ein, das Personal war nahezu komplett, der Hof war weihnachtlich geschmückt und die Atmosphäre unglaublich. Die strahlenden Kinderaugen beim Anblick von Couscous mit Hühnchen, beim Entgegennehmen der Geschenke vom (natürlich schwarzen) Weihnachtsmann und beim Singen deutscher Weihnachtslieder, wie ansteckend eine solche Freude doch ist! Als nach Essen, Geschenkübergabe und der Musik- und Tanzveranstaltungen der Kinder das Fest sich dem Ende näherte, kamen die ersten Kinder zu mir, um sich die deutschen Briefe der Pateneltern übersetzen zu lassen und mir freudig (in einem Fall aufgrund eines lösbaren Missverständnisses auch traurig) von den Geschenken zu berichten, die sie bekommen haben. Kann man die Atmosphäre nach einem solchen Fest beschreiben? Die Aufregung der Vorbereitung vergessen, selige Kinder, soweit das Auge reicht; das Fest der Liebe und des Friedens in ganz anderer Form, anderer Dimension mitten in einem Land, dessen Menschen diese Freude und Glückseligkeit so sehr verdient haben und ganz anders zeigen. Ich weiß, was ich im nächsten Jahr vermissen werde.

Dem Weihnachtsfest folgte einige Tage später jedoch wieder die Arbeit. Nicht nur, dass die Inhalte der Container sinnvoll verteilt bzw. aufbewahrt werden mussten. Jedes der Kinder schrieb einen Dankesbrief für die Weihnachtsgeschenke an die Pateneltern in Deutschland, auf Französisch. Die meisten dieser Briefe mussten vor dem Versenden also noch auf Deutsch übersetzt werden. Und wofür hat AMPO einen Zivi ;-)? Viele dieser Briefe ähnelten sich inhaltlich, berichteten die Kinder natürlich vorzugsweise von ihren Erlebnissen am Weihnachtsabend, was die Arbeit ab dem 50. Brief doch langsam eintönig erscheinen ließ…

Da die Kinder nach Weihnachten noch einige Zeit Ferien hatten, wurde die Gelegenheit genutzt, und es ging für drei Tage mit allen Jungs nach Tollsa, auf die Farm von Katrin, etwas außerhalb von Ouagadougou, im „Busch“. Die Kinder haben da zwei Häuser, in denen sie schlafen können, und unglaublich viel Platz, um sich zu beschäftigen, denn es befindet sich ja nichts als (freies?) Land in kilometerweitem Umkreis darum herum. Das war Afrika wie aus dem Bilderbuch! Aziz, ich berichtete von ihm in meinem letzten Bericht, der kleine „Wirklich-Straßenjunge“, kam am Morgen des zweiten Tages zu mir, nahm mich an die Hand und sagte: „Komm, wir gehen in den Busch!“ Ich zog mir schnell noch feste Schuhe an, andere Kinder kamen dazu und dann zogen wir los: der staunende blonde Weiße mit den kleinen afrikanischen Straßenjungen an der Hand, die gut gelaunt viel erzählten, die besten Orte zum Früchtesammeln und BaobabBaum(–>) bestaunen kannten, die Wege durch die trockene Vegetation mit mir fanden, und mir die Angst vor seltsamen Tieren nahmen (Schlangen, Skorpionen und ähnlichem…). Ich lernte, welche Bäume essbare Früchte bieten, wie man diese pflückt, bzw. mit einer Steinschleuder erntet, und wie man sie dann verspeist. Das alles mitten in afrikanischer Steppe, weit und breit nichts, morgens empfindlich kalt, mittags anstrengende Hitze bei kräftiger Sonnenbestrahlung, und abends ein großes Lagerfeuer als Wärmequelle. Dort wurden dann Geschichten erzählt, von den Kindern für die Kinder, die alle mit herzlichem Lachen belohnt wurden. Leider sind meine Fähigkeiten in der Sprache Moré nicht ausreichend gewesen, um diese Geschichten zu verstehen, dennoch herrschte eine unglaubliche Atmosphäre.
„Alle Kinder lieben die Farm Tollsa“ – so wurde ich vorher unterrichtet, jetzt weiß ich warum – und schließe mich den Kindern an!

Nun geht es morgen ab nach Ghana (anschließender Bericht versprochen!) – bis zum Wiedersehen grüßt
Sie alle herzlich

Ihr Zivi Nico

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