Ein ganz normaler Tag im Jungenwaisenhaus

(von Julian)
Kevin:“Um sechs Uhr müssen wir aufstehen, dann gehen wir uns waschen, Zähne putzen und so weiter.“ Kevin sitzt mit mir zusammen im Krankenzimmer. Seit zwei Tagen ist hier Boucaré hier, ein Junge aus der Elfenbeinküste. Beide Beine sind von oben bis unten mit kochendem Wasser verbrüht worden. Er hat keine Eltern mehr.
Katrin hat ihn vor drei Wochen im Krankenhaus gefunden und dort betreut. Nun ist er bei AMPO angekommen.

Kevin und Mohammed sind heute Vormittag nicht in der Schule und leisten dem Kranken Gesellschaft. Ich frage sie über ihren normalen Tagesablauf aus.
Die Schule fängt um sieben an und die Jungs haben einen Schulweg zwischen einer viertel und einer halben Stunde. „So um zwanzig nach sechs essen wir unsere Morgengrütze. Dann müssen wir aber auch los.“

Noch leicht verschüchtert liegt Boucaré mir gegenüber in seinem Krankenbett. Durch den Wind, den der Ventilator an seinem Fußende macht, werden immer wieder die Seiten seines Malheftes, mit dem er sich schon den ganzen Morgen beschäftigt hat, umgeblättert. Schon fünf der zwei Dutzend Bilder einer blonden „Barbie-Traumfrau“, haben unter seinen Händen Farbe angenommen.

Ich bewundere die Art, wie die drei Kinder an der Seite Boucarés, (Aziz ist natürlich auch dabei!) mit dem Kranken umgehen.
Da wird gar nicht viel Aufhebens um den Verletzten gemacht. Schon nach einem Tag ist er einer von ihnen. Nicht mehr und nicht weniger.

„Und dann, um zwölf kommen wir aus der Schule und essen, nachdem wir uns gewaschen haben.“ Mohammed hält das kleine, gelbe Radio von Boucaré in der Hand und bewegt sich mit tanzenden Schritten zur Musik
Ich frage, wie oft sie sich denn waschen würden.
„Den ganzen Tag über“, Kevin grinst mich an, „Oui c’est vrai – toujours!“

Darauf war ich vorbereitet. Einige Tage zuvor hatte ich drüben bei den Mädels im Waisenhaus erzählt, ich würde mich nur ein bis zweimal am Tag duschen, schließlich würden wir uns in der Sahelzone befinden und Wasserknappheit sei ein großes Problem.
Die Hygiene ist aber ein noch größeres, wie mich die Mädels geschockt und empört aufklären. Es ist normal hier, sich vier, ja fünfmal am Tag zu Duschen.
„Du musst nur wissen wie!“ Katrin freut sich über meinen ungläubigen Blick, „Ein dreiviertel Eimer Wasser reicht für eine Komplettdusche – na ja, mit Haarewaschen brauch’ ich einen ganzen…“

Nach dem Mittagessen in der großen Mittagshitze haben die Kinder Freizeit. Während meiner ersten Tage hier lief um diese Zeit immer der Fernseher im Refektorium. Seit einer Woche aber haben die Jungs gemeinsam beschlossen, dass sie nur noch Fußball und nichts anderes mehr schauen wollen, da sonst zu wenig für die Schule gemacht wird(!). Nach der fast einstimmigen Entscheidung bleibt der Fernseher mittags nun im Schrank, – es wird sich ausgeruht oder gelernt.

„So um halb drei geht’s wieder los zur Schule, aber nicht lange, nach zwei Stunden ist der Nachmittagsunterricht meist zu ende.“
Die vier Jungs sind inzwischen mit einem Geschicklichkeitsspiel beschäftigt. Es gilt, einen aufziehbares Spielzeugauto über eine möglichst große Entfernung in ein Tor aus zwei Stiften fahren zu lassen.

„Abends spielen wir, machen Hausaufgaben, waschen Wäsche. So ein, zwei Stunden nach dem Essen um halb acht legen wir uns zum Schlafen.“

Am nächsten Tag heißt es wieder früh aufstehen!

Vielen Dank ihr vier Freunde!!!!!!

Über die Mädels, die Wochenenden und andere besondere Tage berichte ich ein anderes Mal.

Julian

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