Ein Lied geht um die Welt.

(von Julian)
Ich hatte versprochen, mal extra früh aufzustehen und zu berichten…
Es ist dunkel, Freitagmorgen fünf Uhr.
Vereinzelt krähen die Hähne, die schon die ganze Nacht über dachten, dass die Sonne jeden Moment aufgehen würde. Noch ist davon aber nichts zu sehen.
Zusammen mit Petit muss ich heute die Jungs zum Aufstehen bewegen. Um kurz vor sechs Uhr beginnen wir unseren Streifzug. Überall auf dem Gelände stolpert man über, in Decken eingewickelte Kinder. Nur wenige haben die Nacht in den Häusern verbracht. Es ist ja Februar – trocken und warm.
Schnell lerne ich, dass ein freundliches „Bon jour, dormaient bien?“ nicht genügt, um den Jungs in den Tag zu helfen. Man muss ihnen die Decken wegziehen, damit sie sich mit verschlafenen Gesichter und ohne viel zu sprechen, ihren Eimer in der Hand, zu der Warm-Wasser-Anlage schleppen. Dort wird bei der Morgenwäsche nach und nach endlich der gewohnte Lautstärkepegel erreicht. Achtung, Zähneputzkontrolle!
Die letzten, die wir finden, sind Evance, Nassirou und Aziz. Die drei Küken haben sich, zum Schlafen, hinter der Mauer der Weberei versteckt und liegen dicht aneinandergedrängt zusammen.
Die Sonne ist schon aufgegangen, als sie sich den Schlaf aus den Augen waschen. Wer nur den ewigen staubigen Dunst der Hauptstadt Ouagadougou kennt, ist froh, die Sonne mal so richtig zu sehen! Ja, Katrin hat recht, früh aufstehen in den Tropen, das lohnt sich…

Samstagabend, der dritte, den ich hier erlebe.
Die Stimmung, ganz anders als unter der Woche. Die Jungs haben Wochenende, keiner muss früh ins Bett, morgen ist Sonntag.
Schon am Nachmittag werde ich nach einem Verlängerungskabel für die Musikanlage gefragt.
Die Sonne ist gerade, auf ihrem üblichen, für mich ungewohnt schnellen Weg, untergegangen, da hört man es aus allen Ecken. Stimmen, Lachen und Musik.
Die Jungs haben sich in kleineren Gruppen zusammengefunden.
Draußen, vor dem Tor, die Coolen, mit Musikanlage. Sie haben für jeden, der vorbeiläuft, einen flotten Spruch parat. Gehört wird Hip-Hop aller Art.
Eine andere, kleine Versammlung im Lichtschein vor dem Büro. Dort, wo morgens um 7:30 die Leiter der verschiedenen Projekte um Katrin versammelt die Themen des Tages diskutieren und wichtige Entscheidungen getroffen werden, sitzen jetzt sechs AMPO Jungs in kleiner Runde zusammen, schreiben Liedtexte und genießen eine ruhige Unterhaltung. Gegenüber auf der betonierten Veranda des Refektoriums versuchen sich noch drei oder vier sportlich und üben den Umgang mit dem Basketball.
Schon jetzt fällt mir die Entscheidung schwer, wo ich längere Zeit verweilen will!
Ich schaue weiter in das AMPO-Gelände und entdecke, ganz am Ende, einen beleuchteten Raum und die Silhouette von gitarrespielenden Menschen – wenn man ganz genau hinhört, dringen sogar ein paar Töne bis hierhin durch.
Vor der Tür werde ich allerdings erneut abgefangen. Fünf der Kleineren sind mitten in einer Kartenspielrunde. Für zwei Durchgänge steht noch einer hinter mir und hilft mir mit dem unbekannten Spiel, dann bin ich auf mich allein gestellt. Selbstverständlich werden die Spielergebnisse festgehalten – mit einem Stück Kreide auf dem Tisch.
Ein Glück, Schulden habe ich in dieser Zockerrunde keine gemacht…
Aber da waren doch noch die Klänge aus dem beleuchteten Zimmer – der eigentlich Grund, warum ich hier war. Richtig, Samstagabends , heute, ist immer Musikunterricht.
Drei Jungs und drei Mädels sitzen mit ihrem Gitarrenlehrer in der Runde und spielen auf ihren Gitarren – kubanische und brasilianische Musik.
Ich setze mich dazu und lausche. – Ein Gedanke geht mir nicht mehr aus dem Kopf:

Melodien und Rhythmen, die so stark von der afrikanischen Kultur beeinflusst sind, treten eine Reise über zwei Kontinente an, vermischen sich mit europäischem Stil und europäischen Instrumenten, entwickeln sich immer weiter und weiter und gelangen schließlich wieder an ihren Ursprungsort zurück. Dort sitzen nun sechs Ur-Ur-Ur-Enkel der damals verschleppten Sklaven im Musikraum von AMPO und spielen diese weitgereiste Musik. Faszinierend.

Es geht lange heute, erst um 24 Uhr wird alles leiser.
Ich schaue zum Himmel. Der Mond ist eine Wiege – kein Problem darin zu schlafen.
Gute Nacht.

Julian

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