Neues vom AMPO Zivi: Tondtenga, Seifenherstellung

Liebe AMPO-Freunde und -Unterstützer, liebe Freunde und Verwandte,
nun schreibe ich schon meinen dritten Rundbrief und bin über zwei Monate hier! In dieser Zeit ist verdammt viel passiert und ich habe sehr viel neues erlebt. Trotzdem kommt es mir vor, als könnte ich nach Hause fahren (will ich aber überhaupt nicht!) und es wäre wie nach einem zwei Wochen Urlaub. Die Zeit vergeht hier so rasend schnell, dass ich ohne es mir aufzuschreiben, niemals einordnen könnte, welches Erlebnis wie lange her ist. Alles könnte gestern gewesen sein…

Fast wirklich gestern war die große offizielle Eröffnung unseres neuesten Projektes: Der Landwirtschafts- und Viehzuchtschule Tondtenga. Es ist außerhalb der Waisenhäuser mit momentan 87 Jungen und 7 ha Land das mit Abstand größte Projekt. Da braucht es natürlich auch ordentlich Brimborium zum Einstand. Das hatten alle Mitarbeiter hier monatelang neben dem normalen Tagesprogramm geplant, vorbereitet und organisiert. Zuletzt blieb deswegen vieles an anderen Aufgaben liegen, aber es hat sich gelohnt:
In tiefer Finsternis wache ich auf. Schaue auf den Wecker: 4:35 h. Denke mir, das ist ja mitten in der Nacht und drehe mich nach einem Glas Wasser wieder um, um weiter zu schlafen. Da fällt mir ein, dass ja Samstag, der 12. November ist. Und mit einem kleinen Schrecken kommt die Erkenntnis dazu, dass es also keineswegs mitten in der Nacht ist, sondern in einer Viertelstunde mein Wecker klingelt!

So früh bin ich noch nie hier aufgestanden. Das fällt mir – als notorischem Langschläfer – auch ziemlich schwer, aber es macht sich bezahlt: Als ich um kurz vor sechs aus der Tür trete, ist es gerade ein Bisschen hell geworden. Und dabei noch so kühl, dass mein Mofa kaum anspringen will. Die Menschen sind der Sonne scheinbar noch nicht gefolgt und schlafen noch oder sind zumindest noch nicht auf der Straße zu sehen. Nur hier ein Mann, der Brennholz von einem Hof zum Nachbarn trägt; dort eine Frau, die ihr Fahrrad aus dem Tor schiebt; sonst Stille. Und dazu ein Licht, wie es so mild nur in der Abenddämmerung zu sehen ist. Nur dann ist die Luft voller Staub. Jetzt macht ein leichter Nebel das Atmen geradezu zum Genuss.

Bei AMPO angekommen, scheuchen die Erzieher schon die Kinder auf den LKW, mit dem wir wenige Minuten später – mit unverzeihlichen zehn Minuten Verspätung – nach Tondtenga aufbrechen. Aber die Verspätung hat unser Fahrer in der halben Stunde Fahrzeit locker wieder drin. Um diese Zeit ist auch auf den Hauptstraßen noch nicht viel los. Unter all den Kindern in dicken Jacken und Pullovern komme ich mir in meinem T-Shirt fast unangemessen vor! Aber die Unterschiede im Wärmeempfinden sind mir, spätestens seit einer unserer Nachtwächter gegen den Staub am helllichten Tage eine Wollmütze trägt, nichts Neues mehr.

In Tondtenga angekommen, komme ich mir wieder unpassend gekleidet vor. Alle Mitarbeiter und Helfer, die so früh schon da sind, haben ihre besten Kleider rausgesucht und erinnern mich an die Wichtigkeit dieses Tages für AMPO. Nach zwei Stunden Buffet hin- und herrichten, Kinder platzieren, Geschenke sortieren, und anderen Vorbereitungen kommen die wichtigen Gäste: Minister, Polizeipräsidenten, Botschafter, Regierungsrepräsentanten, etc. Während sich alle setzen und nach und nach die Gespräche leiser werden, beginnt das Programm mit einem traditionellen Tanz der Jungs von Tondtenga in selbst gebastelten Kostümen und Masken zu traditioneller Musik mit Trommeln und Gesang. Dann beginnt Samuel, unser Moderator, mit der offiziellen Begrüßung und der Ankündigung der ersten Redner. Zwischen Botschaftern auf Französisch, AMPO-Mitarbeitern auf Deutsch und dem Minister für Dezentralisierung mit einer umwerfend guten Rede auf beiden Sprachen, sorgen die unwahrscheinlich coole Hiphop-Gruppe „Das Stars“ und unglaublich schnelle Akrobaten für Abwechslung.

Zum Schluss kommt Katrin Rohde, auf die vor allem die deutschen und luxemburgischen Gäste die ganze Zeit gewartet haben, und fügt noch als dritte Sprache More hinzu. Nach dem symbolischen Durchschneiden des weißen Bandes mit großem Applaus wird das Buffet eröffnet. Das soll exzellent gewesen sein, habe ich gehört… Und leider auch in der Menge sehr gut abgestimmt, so dass ich nicht das Glück hatte, nach allen offiziellen Gästen noch mehr als ein paar Küchlein aus der AMPO-Küche zu bekommen. Aber auch die kann ich jedem, der mal nach Ouagadougou kommt, nur wärmstens empfehlen!

Als Abschluss des offiziellen Programms werden nun noch alle Interessierten von Tondtenga-Jungs über das Gelände geführt und bekommen von Buschratten über Rinder bis zum Kohl alles gezeigt. Dann gibt es noch kleine Theaterstücke, Tänze der Frauen aus dem Nachbardorf und so klingt der Fest-Morgen langsam aus. Die eigentlich große Leistung unserer Küche folgt aber erst mittags:
Essen für 500 AMPO-Kinder, -Mitarbeiter und übrig gebliebene Gäste!

Auch wenn hier nicht jeden morgen ein Fest ist, scheint es hier für mich keinen Alltag zu geben. Sei es, dass ein Container mit Kleidern, Computern, Schreibsachen, Süßigkeiten, Waschpulver, etc. ankommt und ausgeräumt werden will, sei es, dass ich wie heute morgen in die Seifenmacherei von AMPO eingeladen werde, um mir die Produktion anzuschauen oder dass „nur“ eine Praktikantin mich und alle anderen Praktikanten zum besten Couscous, den ich je gegessen habe, einlädt…

Irgendwie ist immer etwas los, was zum Standardprogramm aus E-Mails beantworten, Lampen reparieren und Briefe übersetzen dazu kommt. In letzter Zeit ist ein großer Teil davon die Erweiterung der AMPO-eigenen Seifenproduktion. Für 15.000 Euro soll auf einem neuen Terrain aus der Werkstatt für zehn Frauen eine kleine Seifenfabrik für 60 Frauen werden. Da gibt es viele interessante Fragen: Wie wird das Gelände bebaut? Wie werden die Arbeitsgruppen eingeteilt? Wie viele Sorten sollen hergestellt werden? Welche Seifenform und -Farbe verkauft sich am besten? Wie und wo sollen unsere Produkte vertrieben werden? So bekomme ich einen spannenden Einblick in die burkinische Wirtschaft, in der doch einiges anders läuft, als bei uns. Zumindest sind mir in Europa noch nicht viele Leute begegnet, die Zigaretten einzeln verkaufen…

Liebe Grüße!
Matthias Schuchard
Zivildienstleistender bei AMPO

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