Der neue AMPO-Zivi stellt sich vor

Liebe Ampo –Unterstützer und -Interessierte,

Ich möchte mich als den neuen Zivildienstleistenden bei AMPO vorstellen und mich gleich dafür entschuldigen, dass es so lange gedauert hat bis der erste Brief fertig war, doch am Anfang prasseln so viele Eindrücke auf einen hinein, so dass ich noch gar nichts ordnen und beschreiben konnte. Mittlerweile kann ich behaupten angekommen zu sein in dieser völlig neuen Welt.

Es ist doch wirklich alles sehr anders hier und mit nichts vergleichbar, was ich vorher gesehen habe: Die Farben des Landes, der ständige Geruch von Erde und Sand, der alles umgibt, das Klima, die Laute, die Mensch und Tier von sich geben, der Geschmack des Essens und des Wassers, die Art sich zu begrüßen und miteinander zu reden, etc. Dieses Land fordert jeden meiner Sinne neu heraus und hinterlässt mal gute, manchmal auch eher weniger gute Eindrücke.

Ich möchte anfangen mit dem, was mir schon aufgefallen ist kurz nachdem ich Gibraltar hinter mir gelassen hatte. Hier sieht alles anders aus. Über Marokko war alles noch ziemlich gelb mit gelegentlichen Rottönen, doch sobald ich die Sahara überquert hatte, war überall ein saftiges Rot zu sehen mit erstaunlich viel Grün dabei, da ich ja in der Regenzeit angekommen bin. Dies bekam ich dann natürlich gleich zu spüren, denn sobald ich über die Dächer von Ouagadougou hinweggesegelt war und am Flughafen, der sich genau im Zentrum der Stadt befindet, meine ersten vorsichtigen Schritte auf Burkinisches Gebiet setzte, fing es an aus Kübeln zu schütten, so dass ich schon Angst hatte, wir würden auf dem Weg zu AMPO in einem der vielen Wasserlöcher der ungeteerten roten Erdstraßen versinken.

Die folgenden zwei Wochen habe ich dann bei AMPO verbracht, bis mein Vorgänger sich auf den Heimweg machte und ich in meine erste eigene Wohnung einziehen konnte. In dieser ersten Zeit hatte ich keine andere Wahl als mit den Kindern zusammen zu essen und leider musste ich dabei feststellen, dass die burkinische Küche meinem Gaumen nur wenige Glücksgefühle entlocken konnte, so dass ich in dieser Zeit gleich erstmal 5 Kilo abgenommen habe. Jetzt habe ich aber meine eigene Küche mit Gasherd und riesigen Kühlschrank und bin schon immer fleißig dabei, mir neue Gerichte einfallen zu lassen um diesem Rückgang entgegenzuwirken.

Mein, für mich alleine, viel zu großes Haus liegt etwa 5 min per Mofa von meiner Arbeitsstelle AMPO entfernt. Auf halben Weg muss ich den großen Außenring, der Ouaga umgibt, überqueren und was ich dort tagtäglich sehe, versetzt mich immer wieder in großes Staunen. Transportunternehmen Afrika! Ob ein Schreiner sein 4m langes Brett auf dem Kopf beim Fahrradfahren balanciert, ob ein Mofa mit 4 Ziegen beladen wird, die beim Vorbeifahren schreien wie kleine Kinder mit Zahnschmerzen, ob ein kleiner Lieferwagen dessen Windschutzscheibe zweifach zertrümmert ist und deswegen der Fahrer den Kopf zum Fenster raus hält mit Holzstämmen doppelt so hoch wie der Wagen selbst beladen wird, ob die Lastwagen mit lauten Gehupe an jeder Kreuzung vorbeirauschen, da sie meist keine Bremsen besitzen, um an roten Ampeln zu halten oder ob man eine Kuh auf das Dach eines Taxis bindet, dem Transport von Lebensmitteln, Tieren und Menschen sind keine Grenzen gesetzt.

Bin ich selbst auf meiner schicken P(eaugeot) 50 (mein Mofa) unterwegs werde ich überall von Kindern begrüßt, die mir aufgeregt „Nassara“(Weißer) oder „le blanc“ hinterher rufen, winken und hinter meinem Mofa herlaufen. Einige Male habe ich kleine Kinder mit meinem Aussehen schon zum Weinen gebracht, wobei eines sogar laut schreiend zu seiner Mutter gelaufen ist, um dort in Deckung zu gehen vor dem großen weißen Geist. Es wurde mir erzählt, dass sehr alte Burkinabé denken wir Weiße wären so bleich, weil wir einen Reinlichkeitsfimmel hätten und uns durch das ewige Waschen die Farbe abgegangen ist. Wie dem auch sei, hier kann ich mich nicht verstecken, ich bin ständig unter Beobachtung und jede meiner Handlungen wird aufgenommen und kommentiert. Meine Hautfarbe alleine sagt den Leuten wie viel Geld ich habe, wo ich herkomme und dass ich jederzeit Burkina Faso verlassen könnte, wenn ich dazu Lust hätte. Dies führt dann dazu, dass ich täglich um Geld gebeten werde, für Essen, Medizin für Familienangehörige oder sonstiges, dass mir auf der Straße beim Bananeneinkauf die Schwester zur Heirat angeboten wird oder man mir die eigenen Kinder geben will, damit ich sie mit nach Deutschland nehme, dort großziehe und sie später wenn sie eine ertragreiche Arbeitstelle gefunden haben, die einem Millionen im Monat einbringt (Europa wird hier als großes Paradies gepriesen, wo das Geld auf Bäumen wächst und man es nur abzupflücken braucht) etwas Geld nach Burkina schicken können um die Familie zu unterstützen.

Aber im Großen und Ganzen ist Burkina Faso ein bemerkenswert charmantes Land, das vor allem durch seine Gastfreundschaft, Freude und Hilfsbereitschaft lebt. Die Menschen hier sind so ausgelassen und fröhlich, dass man kaum glauben mag, dass sie eigentlich so arm sind. Es kommt mir manchmal so vor als versuche jeder den Preis des schönsten Lächelns, breitesten Grinsen oder des ausgiebigsten Lachens zu erhaschen. Alles Schlechte wird grundsätzlich mit einem Lachen abgetan oder in eine witzige Geschichte verpackt, um andere damit zu unterhalten. Kraftausdrücke und Schimpfwörter wie „Sch….“ werden selbst von pubertierenden 15 jährigen absolut nie in den Mund genommen und wenn halt gerade etwas nicht funktioniert, dann regt man sich nicht auf, sondern nützt die Zeit um erstmal gemütlich einen Kaffee zu trinken. Letztens habe ich eine äußerst heftige Diskussion mitbekommen, in der die Anwesenden auf Stühle gestiegen sind, um sich Gehör zu verschaffen und sich gegenseitig fast an den Kragen gegangen sind. Nach kurzer Zeit des Mithörens musste ich feststellen, dass es darum ging, wer den Titel des besten Torhüters der Welt verdient hätte.

Soweit so gut. Dies sind meine ersten Eindrücke von Burkina Faso, Ouagadougou und den Leuten hier, beim nächsten Mal werde ich mehr über Ampo und meine Arbeiten dort berichten.

Wenn ihr Lust habt, schaut doch mal auf meiner Fotoseite vorbei, die ich extra für dieses Jahr angelegt habe um euch einen visuellen Eindruck meiner Erlebnisse zu geben. Hier möchte ich auch kleinere Berichte einfügen, wenn zwischendurch mal etwas passiert. Die Adresse lautet:

http://www.photobloggers.net/photoblog3.php?username=ampo&

Ich hoffe euch allen geht es auch ganz gut und ihr genießt den deutschen Herbst. (Kaum vorzustellen für mich bei hiesigen 38 Grad)

Viele Grüße aus Ouagadougou,
Jonathan

Zivildienstleistender bei AMPO

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