Zivi-Rundbrief für Mai von Jonathan Neuhoff

Liebe Spender, AMPO -Unterstützer und –Interessierte,

Es regnet wieder! Fast 6 Monate sehnsüchtiges Zum-Himmel-Blicken und darauf hoffen, dass ausnahmsweise doch ein Tropfen vom Himmel fällt, sind vorbei. Das waren 6 Monate triefenden Schweißes und trockenem Staubes. Schweiß, der einem das frisch gewaschene Hemd innerhalb von 2 min durchnässt, nur weil man es wagt in einem Raum ohne Ventilator das Türschloss auszutauschen und der rote Staub, der alles umgibt, durch jede Ritze dringt, einen schwer atmen lässt wie einen Kettenraucher und an manchen Tagen den Himmel so rötet, als würde die ganze Welt in einem Kakaoglas stecken. John sagte letztens zu mir, als wir uns über diesen milchroten Himmel wunderten‚ dass ist alles Wüstenstaub und kommt direkt aus der Sahara. Irgendwie hat mich dieser Satz stutzig gemacht, nicht wegen seiner eigentlichen Bedeutung, sondern eher weil mir mal wieder zu Augen geführt hat, wo ich eigentlich bin. Ich kann es oft immer noch nicht fassen, wo ich eigentlich gelandet bin: in einem Land, von dem ich höchstens früher mal als Kind in einer meiner geliebten Tierfilme gehört habe, in einer Welt, die so anders ist als die meinige und mich doch immer wieder an sie erinnert.

Zwei Tage später fing der Wind richtig an zu pusten, der Staub wirbelte umher und der Himmel – nein, eigentlich alles – wurde vollkommen rot. Innerhalb von Minuten war meine frisch gewischte Wohnung von einer zentimeterdicken Staubschicht bedeckt, doch schon kurz darauf fielen auch die ersten Tropfen auf die ausgedörrten Böden Burkina Fasos. Sehnsüchtig hatten wir alle diesen Tag erwartet, denn der erste Regen des Jahres soll die Krankheiten davon waschen und den Mangos Saft und Süße geben. Dies ist nun ca. zwei Wochen her, die schlimme Meningitisepidemie ist abgeflacht, die Mangos zergehen einem auf der Zunge und es hat gleich noch zwei Mal geregnet. Der letzte Regen war mit erbsengroßen Hagelkörnern gespickt, für die die Kinder in die sintflutartigen Regengüsse gelaufen sind, um sie schnell vom Boden aufzuklauben und sich dann in den Mund zu stecken. Wann gibt es sonst schon gratis Einswürfel, die vom Himmel fallen?

Auch mir haben diese Regen gut getan. Sie haben die Sorgen von mir gewaschen, mir den Kopf frei gemacht und mir Kraft gegeben für meine zweite Halbzeit, die ich jetzt antreten werde. Doch was ist eigentlich in der ersten Halbzeit passiert?

Es ist schwierig für mich die Torszenen zu rekonstruieren, zu sagen, hier ist dies und hier das passiert. Ich blättere in meinem Kalender und obwohl ich die Wochen noch genau vor mir sehe, kann ich kein Ereignis herauspicken und darüber schreiben. Es ist ja nicht so, als ob nichts passiert wäre, nein, ganz im Gegenteil, es prasseln selbst nach einem halben Jahr noch so viele Eindrücke auf mich ein, dass sich vieles vermischt und mir am Ende meist nur ein Eindruck von dem Ganzen bleibt.

So ähnlich verhält es sich mit der Arbeit hier. Oft weiß ich gar nicht wo die ganze Arbeitszeit und Arbeitskraft verschwindet. Am Abend davor nehme ich mir vor, dies, dies und das zu erledigen, ich erstelle einen genauen Zeitplan, der durch Zeitpolster gestützt ist und somit eigentlich bombensicher. Tja, und wenn die Sonne wieder untergeht, ist noch nicht mal die halbe Arbeit erledigt und ich erschöpft und ausgelaugt. Tröstlich ist dann nur, dass ich mit dieser Erfahrung nicht alleine bin. Die meisten Besucher, die ich am Flughafen abhole kommen mit den schönsten Ideen, voller Tatendrang und Arbeitswut bei AMPO an, doch schon nach ein paar Tagen sieht man ihnen die Enttäuschung an, denn hier schlägt die Uhr einen anderen Takt und den richtigen Rhythmus zu finden ist schwer. Ich kann jetzt verstehen, warum viele Afrikaner einen so schleichenden Gang haben, warum jeder Handgriff bedacht gesetzt wird und keine überflüssigen Bewegen gemacht werden. Jede Bewegung kostet Kraft, viel mehr als bei uns, und muss deshalb sparsam eingesetzt werden. Betrachte ich unsere Jungs und Mädchen in der Schneiderei und sehe mit welcher Ruhe und Bedacht schon die Anfänger an die Arbeit gehen, komm ich mir oft wie ein großer Tölpel vor der durch diese Welt trampelt, wie durch Mamas Blumenbeete. Besonders ihre Art sich zu bewegen, gibt den Burkinabé eine solche Schönheit.

Eine andere Schönheit kommt von innen und strahlt mir manchmal so grell entgegen, dass es mir die Sprache verschlägt und ich gar nichts zu entgegnen weiß. Wie schon in meinen letzten Briefen habe ich die Gutmütigkeit und den Frohsinn dieser Menschen beschrieben und ich muss es wieder tun, denn sie bereichern mein Leben in Afrika – mehr als alles andere. Ich habe mich vor einiger Zeit mit einem Besucher unterhalten, der nun zum zweiten Mal Burkina besuchte und mir berichtete, wie es war zurückzukommen. Man fragte ihn: „Was gibt es denn dort? Schöne Landschaften? Tolle Architektur? Wilde Tiere? Traumhafte Strände? Gutes Essen?“ Seine Antwort war die beste Beschreibung, die ich von Burkina Faso je gehört habe: „Menschen! Menschen gibt es dort.“ Menschen gibt es überall, könnte man jetzt sagen, doch wer einmal hier war, der wird bestätigen können, dass die Leute hier ganz besondere Menschen sind. Ich denke das liegt zum größten Teil an der Ehrlichkeit, die einem dieses Afrika auferlegt. In dieser Welt voller Extreme, die immer wieder von einem fordert an seine körperlichen und seelischen Grenzen zu gehen. Es wird alles von einem offenbart und nichts kann versteckt werden. Ein kurzer Blick in die Augen genügt, um über des Gemütszustand des Gegenüber Bescheid zu wissen. Dadurch, dass die Karten von Anfang an offen auf dem Tisch liegen, hat es gar keinen Sinn jemandem etwas vor zu machen, seine Schwächen zu kaschieren oder sonst wie eine andere Person zu spielen. Man ist das, was man ist und damit haben sich die Menschen hier abgefunden. Wahrscheinlich ist es diese Akzeptanz von sich selbst, die den Menschen hier einen gewissen inneren Frieden gibt, sie mehr als einmal am Tag laut auflachen lässt und ihnen eine natürliche Schönheit verleiht.

Was AMPO betrifft, so kann ich nur sagen, dass AMPO mein Leben hier bestimmt. Es ist schon lange nicht mehr nur meine Arbeitsstelle, sondern eher mein Zuhause und meine Familie geworden. Nicht selten kommt es vor, dass ich das Haus um 7 Uhr verlasse und erst um 23 Uhr wieder zurück bin, um mich schlafen zu legen. Zu schön ist es Mittags und Abends zwischen den Kindern zu sitzen, Reisteller zu schaufeln und gespannt den neuesten Geistergeschichten zu lauschen, als wäre man selbst einer von Katrins unzähligen Zöglingen.

Soweit so gut. Es gäbe noch so viele Dinge über die ich schreiben könnte, doch ich will es fürs erste einmal dabei belassen. Ich bin sicher, es werden schon bald neue Erfahrungen auf mich zukommen, von denen ich in Zukunft auch regelmäßiger berichten werde.

Ich hoffe Sie genießen den Frühlingsanfang so sehr wie ich jeden Regenguss und schicke

Die schönsten Grüße aus Ouagadougou

Jonathan ‚Johnny’ Neuhoff
Zivildienstleistender AMPO

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