Zivi-Rundbrief für Oktober von Jonas Lanz

Liebe Freunde, Verwandte und Spender

Nun ist es eine Woche her seit meine Füße den ersten Sand Afrikas berührten und langsam fühle ich mich angekommen. Die Düfte, Klänge und Bilder sind schon vertrauter, Muster werden erkennbar. Einen für mich neuen Aspekt von Afrika durfte ich auch schon kennen lernen, wenn hier der Himmel seine Schleusen öffnet, dann richtig. Die Wassermassen verwandeln manche Straßen in knietiefe Flüsse und meinen Zimmerboden in eine Unterwasserlandschaft. Den Kontrast zwischen staubiger, vor Hitze flirrender Stadt und Regenschwaden über den Dächern muss man eigentlich direkt erleben.

In den Vergangenen Tagen ist vieles passiert, von einigem möchte ich hier berichten.

An erster Stelle der zu erledigenden Dinge stand der Kauf eines fahrbaren Untersatzes, eines Mofas. Das Mofa ist hier (leider!) das Verkehrsmittel. Es ist mit 650 bis 1200 Euro noch relativ erschwinglich, einfach zu warten, meist schneller als die im Chaos steckenden Autos, mit bis zu zehn Ziegen (!) samt Fahrer beladbar und steht in der Straßenhierarchie immerhin noch über dem Fahrrad. Und, da ich ein armer Zivi bin, der mit seinen Spendengeldern gut haushalten muss, auch für mich das Fahrzeug der Wahl. Also, auf zum Händler, kaufen und fertig.

Doch haaaalt, sooo einfach geht das in Afrika nicht. Hier braucht es erstmal einen Einheimischen, der weiss, welche Händler überhaupt in Frage kommen. Dann geht man zum Händler, und der Europäer wundert sich, warum erstmal alle für eine Viertelstunde herumsitzen, sich unterhalten und nichts (?) passiert. Ja, gemächlich geht es zu, denn nun müssen die Preise erfragt werden. Dazu wird telefoniert und geredet und telefoniert und geredet und so weiter und so weiter, bis endlich der Preis in Erfahrung gebracht ist. Doch haaaalt, nicht so schnell. Dieser Preis war für das erste Modell. Ein anderes genehm? Nun denn, mal schauen was dies so kostet. Und wieder. Telefonieren, reden, telefonieren, ja, also das zweite kostet so und so viel. Super, toll, aber haben sie denn überhaupt mein gewünschtes Modell? Nein? Zu dumm, auf zum nächsten Händler. Mhm, auch hier nicht erhältlich, nur munter weiter.

Wie sie sehen liebe Leser, es hat eine Weile gedauert bis ich ein Mofa, Modell Ninja von Peugeot, Zweitakter, eingefahren bis zu 70 km/h schnell, unter dem Hintern spüren durfte. Jedenfalls bin ich nun, nach mehreren Aufenthalten bei Mechanikern, selbstständig in Ouaga unterwegs. So auch heute, als erste Erfahrungen mit den Geldbeschaffungsmaßnahmen der hiesigen Freunde und Beschützer machen durfte:

Es waren einmal zwei unbedarfte Zivis in Ouaga. Sie fuhren lustig mit ihren Mofas durch die Straßen und freuten sich am Leben. Als sie schauten nach nem Laden, der für die Zukunft interessant, kam ein Bulle angerannt. Böse schaut er, gar nicht lustig. „Ihr da,“ ruft er, „kommt heran, dass ich euch bestrafen kann.“. „Denn,“ so sagt er „dies da war die falsche Bahn, nur in eine Richtung darfste fahrn“. „Soso“ die Antwort unsrer Zivis, „Woher solln denn wir das wissen? Ein Schild/Zeiger tun wir nämlich missen.“ Ganz egal dem Polizist, nimmt einfach unsre Mofas mit. Und so blieb ihnen nichts zu tun, als abends 12000 (CFA, etwa 18 Euro) in die Kass zu tun. So hatten sie die Mofas wieder, damit nachhaus und aus die Maus.

An dieser Stelle möchte ich einige Worte über den Verkehr in Ouagadougou verlieren. Er ist kurz gesagt – mörderisch. Regeln? Außer roten Ampeln (und wie ich heute festellen musste, Einbahnstraßen) gibt es keinerlei Regeln. Vorfahrt? Blinker? Lichter? Spuren? Nur links überholen? Abstand zum Vordermann? Rückspiegel? Führerscheine? Pustekuchen! Jeder fährt wie es nur irgend geht, aber dennoch funktioniert es. Vielleicht ähnlich wie in einem Ameisenstaat der vor allem durch Selbstorganisation am Leben erhallten wird.

Nur ist das mit dem am Leben erhalten leider keine einfache Sache. Hier kommen wir in ein neues Gebiet, das medizinische System, dazu aber an anderer Stelle mehr.

Ich hatte nun also ein Mofa, allerdings musste es noch eingefahren werden. Käufer neuer Spielzeuge, zum Beispiel Käufer von Autos, wissen vielleicht um diesen Vorgang. Beim Einfahren muss das Vehikel einige Zeit unter Vollgas gefahren werden, damit es zu einem spritzigen Zeitgenossen heranreift der seine vollen Stärken zeigen kann. Warum ich das hier schreibe ist nicht wegen des eher langweiligen Vorgangs des Mofaeinfahrens, sondern wegen dem Ort an dem jenes stattfand. Um Vollgas geben zu können brauchten ich und mein Vehikel freie Strecken und solche gibt es zuhauf in „Ouaga 2000“. „Ouaga 2000“, gesprochen „waga dö mil“ ist ein seltsames Ding. Geradezu ein Phänomen, von daher folgendes Märchen:

Vor nicht allzu langer Zeit beschloss der Präsident/Diktator eines kleinen, armen afrikanischen Landes, anlässlich eines ganz ganz wichtigen Besuches anderer Präsidenten/Diktatoren ein ganz ganz schönen Ort zu schaffen, damit sie in Ruhe und Geborgenheit reden konnten. Die besten Baumeister des Landes wurden beauftragt diesen Ort zu schaffen, eine Stadt an der Stadt. Die Baumeister bauten die Straßen der Stadt, ein ganz großes Haus für den Präsidenten, einige andere Häuser für andre ganz wichtige Menschen, aber irgendwann schienen die Baumeister keine Lust mehr zu haben und hörten einfach auf. Das war aber gar nicht schlimm, die Präsidenten konnten trotzdem schön reden und danach wieder nach Hause fahren.

Und heute? Was wurde nun aus der Stadt an der Stadt? Nun, geändert hat sich nichts. Noch immer führen Straßen durch Brachen, noch immer ist es nur eine Stadt auf dem Papier und in den Köpfen mancher Menschen.

Außer eben den Straßen. Hier konnte ich mich nun austoben, leider aber keine Fotos machen, das ist in „Ouaga 2000“ verboten. Schließlich könnte sich wohl niemand mehr retten vor Bewunderern dieses tollen Projekts, das den Menschen in ganz Ouaga eine entscheidende Hilfe auf ihrem Weg der Entwicklung gegeben hat, ein Musterbeispiel richtig und bedacht eingesetzten Geldes in einem Land das ja sowieso in selbigem schwimmt.

Ein weiterer Aspekt von „Ouaga 2000“ ist eine (geplante) Autobahn und eine (fertige) Brücke, die zu einigen Umleitungen führt. Diesen Umleitungen habe ich auch meinen ersten Aufenthalt auf dem „Land“ zu verdanken. Irgendwann erschien uns (die beiden Zivis von SEWA waren auch mit dabei) die Richtung als spanisch, so bogen wir von der Straße in den Busch, allerdings sehr stadtnah, keine Wildnis aus Abenteuerromanen. Dennoch sehr malerisches, lebendiges grün der Büsche, ab und zu überragt von Bäumen, einmal sogar von einem riesigen Baobab, dessen mächtiger Stamm felsengleich über den Sträuchern thronte und der seine dicken Äste nur spärlich bewachsen wie Arme in den Himmel streckte.

Dazwischen immer wieder Lehmhäuser und spielende Kinder, die mit lauten „Nasara!“s ( „Weißer“) ihr Vergnügen über diese komischen drei weißen Mofafahrer kundtaten, die da über ihre Pfade irrten.

Zurückblickend auf den bisherigen Bericht habe ich drei, zumindest in meinen Augen, wichtige Problemfelder von Burkina Faso auf eher humorvolle Weise geschildert. Das Problem der Zeit, das Problem der Korruption und das Problem fehlgeleiteter Gelder. Ich möchte mich aber nach so kurzer Zeit noch nicht näher zu diesen Problemen, die

vielleicht nur auf den ersten Blick und nur für einen unerfahrenen Europäer als solche erscheinen, äußern, oder gar über sie urteilen. Vielleicht bin ich nach einem Jahr ein wenig weiser und habe ein größeres Verständnis entwickelt, dann und nur dann werde ich es mir erlauben tiefergehend darüber zu schreiben

An dieser Stelle beende ich nun die allgemeinen Beschreibungen von Ouaga, ich werde versuchen in Zukunft jedem Bericht zwei Gesichter zu geben, das Gesicht des alltäglichen Lebens in Burkina Faso und das Gesicht meiner Erlebnisse mit AMPO.

Vielen Dank nun für Ihr Interesse an meinen Erlebnissen in Afrika, bis zum nächsten mal, herzlichst

Jonas Lanz

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