Zivi-Rundbrief 2 für Oktober von Jonas Lanz

Liebe Spenderinnen und Spender, liebe Freunde und Verwandte,

vor sieben Wochen landete mein Flugzeug in Ouaga, und seit dem letzten Bericht ist wieder allerhand geschehen, an dem ich Sie hier nun teilhaben lassen möchte.

Als ihr Live-Korrespondent vor Ort bin ich natürlich verpflichtet, Ihnen nicht immer nur von einem Ort zu berichten, sondern Sie haben das Recht auf weiterführende Informationen aus mehreren Regionen. Die Einladung einer anderen NGO für eine Reise durch den Osten von Burkina Faso kam für mich so äußerst günstig. Diese NGO nennt sich ASAO, wird mit beträchtlichen Mitteln vom BMZ unterstützt und baut Schulen, Brunnen und Lehrerhäuser in ganz Burkina. Einmal im Jahr werden einige dieser Schulen auf einer Rundreise von einer deutschen Delegation besucht, zu der dieses Jahr freundlicherweise auch die Zivis von SEWA und ich gehörten. Hier der Bericht einer Reise durch den Busch.

Eingezwängt in einem winzigen „Taxi Brousse“, mit vier statt den vorgesehenen drei Leuten in einer Sitzreihe, das Dach einen Meter hoch mit Gepäck beladen und ohne Klimaanlage ruckelte die Reisegesellschaft los. 13 Menschen in dem eben beschriebenen Vehikel, fünf andere in einem Allrad mit Klimaanlage, so setzte sich unsere Reise-/Touristengruppe zusammen.

Der Zweck der Reise lag in verschiedenen Schulinspektionen und Einweihungen, außerdem sollten zukünftige Bauprojekte mit den jeweils Verantwortlichen in verschiedenen Dörfern besprochen werden. Wasser und Foto griffbereit, potentiellen Motiven immer offen, fuhren wir auf einer erstaunlich guten Straße aus Ouaga in Richtung Wildnis.

Nach den letzten Hütten eröffnete sich unseren Blicken ein Landschaftsbild, dessen Gestalt sich in den nächsten Tagen nicht sonderlich ändern würde. Eine gigantische Grasebene, durchschnitten von der schwarzen Asphaltstraße, durchsetzt von verschiedensten Bäumen und Büschen, reich mit Sogrom (eine Hirseart), weißer Hirse und Mais bepflanzt, durchzogen von ausgetrockneten Fluss- und Bachläufen und immer wieder überragt von hügelartigen Formationen, teils abstrakt und mit Findlingen bedeckt, teils einfache Erhebungen in der Landschaft. Das ganze bestrahlt von einer klaren, heißen Sonne, die jedes Lebewesen in den Schatten treibt. Aufgelockert wurde diese Szenerie durch häufige Rinder- und Schafherden, die, von kleinen Kindern gehütet, gemächlich durch die Steppe zogen. Dagegen bekamen wir außer den allgegenwärtigen Insekten keinerlei wilde Tiere vor die Linse, Löwe und Elefant sind in Burkina leider selten geworden und leben nur noch in bestimmten Gegenden im Süden und Westen.

Auf unserer Reise durch die Dörfer begegneten wir verschiedenen Dorftypen. Je nach Größe scheinen sie traditionell wie vor hunderten von Jahren, die größeren haben dann schon teilweise Strom, modernere Architektur und die ersten kleinen Läden.

Ein traditionelles Dorf muss man sich als Zusammenschluss mehrerer Höfe vorstellen, die jeweils von einer niedrigen Lehmmauer umgeben sind. Auf diesen Arealen stehen dann die Rundhäuser der Familienmitglieder, gebaut aus Lehm und Holz und mit Schilf gedeckt, von der Größe mit einem kleinen deutschen Badezimmer zu vergleichen. So ein Haus beherbergt dann zwei Erwachsene samt ihrer Kinder, also durchaus 8 Personen. Dazu kommt dann noch ein Basthaus auf Stelzen, worin die Vorräte dem Hochwasser und allerlei Getier entzogen sind. Erreichbar sind diese Dörfer meist nur über Buschpisten und die einzigen Vehikel des Dorfes sind Eselskarren und klapprige Fahrräder, manchmal sogar ein altes Mofa. So war es in der Abgeschiedenheit dieser Dörfer stets ein besonderes Ereignis, wenn auf einmal unser Bus auftauchte, ein Dutzend „Nasaras“ ausspuckte, einige Stunden blieb und danach wieder aus dem Alltag der Einheimischen verschwand.

Den folgenden Schulbesuchen lag eigentlich immer das gleiche Protokoll zugrunde. Wir kamen an, wurden von mehreren Dutzend bis 300 Menschen empfangen, nach gesalbten Dankes- und Begrüßungsworten und einem Willkommensgetränk wurden offene Fragen erörtert und am Ende gegenseitig Geschenke überreicht. Meist erhielten wir als Symbol des Dankes und der Freundschaft weiße Hähne, bei wohlhabenden Dörfern auch Schafe. Die Schafe gaben wir weiter, die Hähne wanderten in unseren Kochtopf und dienten uns als leckere Grundlage für unser Abendessen.

Ein Schulbesuch der anderen Art war die zeremonielle Schlüsselübergabe in XXX. Hier war die Bauphase mit allerlei Problemen behaftet gewesen, da der örtliche Naba („König“), seines Zeichens Dorfchef, Zöllner, Inmobilienbesitzer, Bauunternehmer und absurderweise auch Leiter einer „Einheit gegen Betrug“ den Bau der Schule immer wieder torpedierte, da nicht sein Bauunternehmen den Auftrag erhielt. Nun war sie aber dennoch fertig gestellt und der erlauchte Naba sonnte sich im Licht der Öffentlichkeit als Wohltäter der Region. Warum er nicht einfach eines seiner drei Autos verkaufte, oder vielleicht seine Residenz mit einem Zimmer weniger ausstattete und mit dem Geld selbst in die Zukunft seines Landes investierte, blieb ungelöst. Jedenfalls wurden wir hier abends mit Champagner, Wein und Orangensaft bewirtet, dazu leckere Kartoffeln, Gurken und Gemüse und dies in einem Haus mit Klimaanlage und Fernseher. Nun, für Europäer vielleicht normal, aber diese ganze Szenerie in einer Umgebung, wo vor der Haustür die Kinder Hungerbäuche haben, kein fließend Wasser oder gar ein Stromanschluss existiert…

Eigentlich hatte ich vor, die Gruppe für eine Woche lang zu begleiten und danach mit den SEWAs zurückzukehren, allerdings wurde Markus krank, so beschlossen wir, schon am fünften Tag aus Tenkondo zurückzukehren.

In Burkina Faso gibt es keine staatlichen öffentlichen Verkehrsmittel für Überlandreisen, aber zahlreiche private Busunternehmen. Den besten Ruf in Bezug Pünktlichkeit, Bequemlichkeit und Sicherheit hat das Unternehmen STMB, also auch für uns die erste Wahl. Als denn, hin zum Schalter und Bustickets kaufen. Haha!

Zivis erreichen den Schalter, freundlich, fragen: „Wir würden gerne nach Ouaga fahren“

Schaltermensch: „Geht nicht…“

Schweigen

Zivis: „Warum denn nicht?

Schaltermensch: „Kann euch keine Tickets verkaufen“

Schweigen

Zivis, irritiert: „Aha, warum denn nicht?“

Schaltermensch: „Bus ist voll“

Desinteressiertes Abwenden, Schweigen

Zivis schon ein wenig genervt: „Ja und jetzt?“

Schaltermensch mit missbillig gerunzelter Stirn: „Wie jetzt, nix jetzt“

Abwenden, Schweigen

Zivis, ein wenig mehr genervt: „Wir müssen aber heute nach Ouaga“

Schaltermensch: „ – „

Zivis leicht säuerlich: „Haaaaaaallooooo, wir haben hier einen kranken Freund, keine Unterkunft in dieser Stadt und müssen heute noch nach Ouaga, also gibt es denn gar keine Möglichkeit?“

Schaltermensch, nun auch leicht genervt: „ Doch“

Zivis, immer noch säuerlich: „Und welche Möglichkeit?“

Schaltermensch: „Es gibt in der Nähe noch eine andere Busgesellschaft“

Zivis, interessiert: „Und wo?“

Schaltermensch: „An der Hauptstraße, rechts“

Ende des Gesprächs, Zivis ziehen ab, Schaltermensch hat endlich wieder seine Ruhe.

Diesem freundlichen Service begegnet man öfters, sei es in kleinen Restaurants oder kleinen Boutiquen und man fragt sich, ob diese Menschen eigentlich kein Interesse an Geschäften haben. Naja.

Jedenfalls saßen wir am Ende in einem „Bus“ mit den geschätzten Innenmaßen von zwei Metern Breite und vier Metern Länge, mit sechs Sitzreihen zu jeweils vier Sitzen, außerdem einem Klappsitz für den Gang. In diese Sardinenbüchse wurden nun 36 Menschen gepresst, teilweise saßen sechs Menschen nebeneinander und vorne mussten sie stehen. Es war so eng, dass das Anlehnen nach einem komplexen System von Zeitfenstern und Bewegungsmustern von statten ging, da wir schlicht zu breit waren, um die Schultern auf einer Höhe nebeneinander zu haben.

Dennoch war die Reise ein tolles Erlebnis, mein erster Blick aufs Land der Aufrichtigen und für mich die Möglichkeit, eine Woche Abstand zu AMPO zu gewinnen, meine bisherige Zeit zu reflektieren und über die Zukunft nachzudenken. Für die Öffentlichkeit, also für Sie liebe Leserinnen und Leser, habe ich noch drei Ereignisse aus den letzten drei Wochen ausgesucht, die hoffentlich Ihre geschätzte Aufmerksamkeit finden.

Zum ersten mein Umzug. Ich bin nun stolzer Mieter eines Reihenhauses mit zwei Zimmern, einem Bad und einer Küche, außerdem habe ich Strom, Wasser und einen Kühlschrank, für afrikanische Verhältnisse also schon sehr luxuriös. Die Küche hat die gigantischen Ausmaße von ca 3 qm, aber immerhin kann ich mich in ihr um die eigene Achse drehen. Das Bad ist annehmbar, auch wenn die Wand dem Klo sehr nahe kommt, sodass mir auf dieser Örtlichkeit nur eine schräge Sitzhaltung vergönnt ist. Auch meine bisherige Matratze hat eher bescheidene Ausmaße, aber die Technik des diagonalen Liegens hilft mir hier sehr. Vor meiner Wohnungstür, die leider keine Klinke mehr hat und nur noch mit Zange zu öffnen ist, liegt noch eine kleine Terrasse. Im Moment noch wüst und leer, in Zukunft aber mit Pflanzen begrünt, wandelt sich mein Haus langsam in einen angenehmen Lebensraum.

Das zweite Erlebnis war schon erlauchterer Natur. Zum ersten kamen zwei Bundestagsabgeordnete auf Dienstreise samt Botschafter, um sich AMPO anzuschauen. Zum zweiten Delegierte des Hauptsponsors (der ungenannt bleiben möchte, désolé) und zum dritten die „No Angels“, eine (unter jüngeren Semestern) relativ bekannte Girl-Band. Schon lustig, wer einem hier alles über den Weg läuft und welche Themen hier mitten in Afrika besprochen werden. Zum Beispiel deutsche Frauenpolitik – und das mit einem SPD- und einem CDU Abgeordneten – an einem Tisch.

Nun zu meinem dritten Erlebnis.

Vor etwa zwei Wochen geriet ich mit einem afrikanischen Mitarbeiter von AMPO in eine Diskussion, die aus einem Missverständnis geboren ward und in einem regelrechten Streit endete. Eine von mir gestellte Frage, in meinen Ohren harmlos und in keinster Weise verletzend, nahm er als Angriff auf seine Persönlichkeit. Zu Beginn ein wenig erstaunt ob seiner heftigen Reaktion und bemüht hier schnell wieder die Wogen zu glätten, versuchte ich, die Frage im Kontext und neutral zu „erklären“. Allerdings war jeder Versuch nutzlos, da er in seiner Ehre verletzt sehr emotional auf seinem Standpunkt beharrte und ich mit logischen Aussagen versuchte zu argumentieren, wir also völlig verschiedene Ausgangspunkte hatten. Jedenfalls dauerte es bestimmt eine halbe Stunde, bis wir uns beide wieder ein wenig beruhigt hatten und zum Tagesgeschäft übergehen konnten.

Wie man sieht, stehen einer in europäischen Augen sinnvollen Diskussion hier in Burkina zwei Dinge im Weg. Der sehr leicht verletzbare Stolz der Menschen und die große Emotionalität, die jede neutrale, objektive Argumentation verhindert. Diese Behauptungen klingen vielleicht wie typisch verallgemeinernde Vorurteile, aber oft treffen sie zu. Inzwischen habe ich es mir angewöhnt, schon beim ersten Hauch einer Auseinandersetzung jedes einzelne Wort auf die Goldwaage zu legen, um ja keine persönlichen Gefühle zu verletzten und um ein ruhiges, konstruktives Gespräch zu ermöglichen.

Dem schnellen Beleidigtsein steht aber auch eine große Kultur der Verzeihung gegenüber, ein ehrliches „Pardon“ an der richtigen Stelle sorgt meist wieder für ruhige Gewässer, so dass das Leben hier in Burkina Faso insgesamt sehr viel herzlicher abläuft als in Deutschland.

An dieser Stelle möchte ich noch allen großzügigen Menschen, die mit ihren Spenden meine Arbeit hier ermöglicht haben, ein tiefes, herzliches Dankeschön sagen.Soviel aus Ouaga, mit herzlichen Grüßen, Ihr

Jonas Lanz

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