Bericht aus Ouagadougou zu Klängen von Bach und Tou

Beim Klang von Bachs Goldbergvariationen sitze ich in meiner Ziviwohnung. Mäßige Hitze, es ist Sonntagspätnachmittag. Für heute steht nur ein Punkt auf meiner To-Do-Liste: Den ersten, zaghaften Versuch zu wagen, Ihnen meine Eindrücke, Erfahrungen und Erlebnisse mitzuteilen.

Zuvor erfuhr ich, wie schwer das Schreiben von Berichten doch sein kann. Hätte ich vorher nie gedacht. Meine ersten Versuche scheiterten allesamt an meinem Anspruch. Jeder noch so wohlüberlegte Satz, jedes Wort und jeder Buchstabe schien nicht das widerspiegeln zu wollen oder zu können, was ich hier erlebe. Es hat ein wenig gedauert bis ich begriffen habe, dass ein Bericht kein Kampf ist, sondern ein fließen-lassen. Ein Bericht bietet die Möglichkeit, in sich hineinzuhorchen, zu reflektieren, los zulassen. Eine sehr persönliche Angelegenheit und ich möchte Sie gerne teilhaben lassen, Sie mitnehmen auf meine ganz persönliche, innere Reise.

Oh, und ich glaube ich bin schon mittendrin! Mittendrin in diesem Bericht. Mittendrin im Herzen Burkina Fasos, in Ouagadougou. Mittendrin bei AMPO und mittendrin in meiner Arbeit voller unglaublicher Momente, lehrender Begegnungen. Kinderlachen. Mittendrin im Leben. Und das tut so verdammt gut.

Dabei war ich letzte Woche diesbezüglich noch voller Zweifel: Es war am letzten Sonntag um Viertel nach Acht, Zeit für das Ende des Wetterberichtes. Doch statt Regenwettervorhersage und einem „Guten Abend“ hörte ich den Vorbeter der nächstgelegenen Moschee… Da saß ich also in Burkina Faso, mir liefen die Schweißperlen über mein Gesicht. Da saß ich also mit meinem Laptop im zweitärmsten Land der Welt.

Verwirrend der Kontrast von weißleuchtendem Laptop-Screen und Abendgebet, welches im Monat Ramadan das Fastenbrechen einläutet. Ein schrecklicher Verdacht regte sich in mir. Könnte es sein, dass ich vielleicht noch gar nicht wirklich angekommen war und auch nie richtig ankommen würde? Bliebe ich als Weißer mit meiner ganzen Kohle nicht immer in einer Parallelgesellschaft hängen? Diese Gedanken begleiten mich dieser Tage hier und die dunkle Ahnung, dass ich ein Zuschauer in dieser noch so fremden Welt bleiben könnte missfällt mir. Kann das sein, darf das sein?

Immerhin Woche 4 von 52. Das heißt es ist inzwischen einen Monat her, seit ich aus dem Flugzeug gestiegen bin. Der Moment ist mir noch immer sehr bewusst: Ich stehe dort, Jan und Nils (meine beiden SEWA-Kollegen) vor oder hinter mir. Warte einen Augenblick ehe ich ganz aus dem Flugzeug trete (ist
es ein Moment des Zögerns?). Der Gitarrenkoffer in meinen Händen. Es ist schwül hier, schießt es mir durch den Kopf. Tolle Erkenntnis. Viel wichtiger: Die Luft riecht nach allem Möglichen, fast orientalisch, auf jeden Fall aber mit einem Wort: Fremdartig!

Es ist eine Duftmischung von der ich nicht genug bekommen kann, nicht auf dem Weg zur Passkontrolle, nicht auf der Ladefläche des Pick-Ups, der mich zum Gästezimmer von AMPO fährt. So ein weiterer, unvergesslicher Moment: Diese Nachtwärme in der die Düfte stehen und welche mit dem schneller werdendem Pickup an mir vorüber fliegen. Ich stehe neben Jonas, meinem Vorgänger und blicke in Fahrtrichtung,/ /lasse mir den Wind durch die Haare und um den Körper wehen. Eine Metapher für die kommende Zeit? Der Moment ist schön, ist rein. Ich fange an zu lächeln. Klar, davor war Aufregung ohne Ende. Wie wird er sein, mein Vorgänger, der, der mir alles zeigen soll bei AMPO? Wie werden die Mitarbeiter sein, wie die Kinder mich aufnehmen, wie gesund bleiben? Doch bei diesem großartigen Gefühl, diesem kindlichem Glück, bleibt all das beim Flughafen liegen, wie ein vergessenes Gepäckstück.

Das gleiche Gefühl verspüre ich 4 Wochen später noch einmal, als ich Jonas zum Flughafen begleite. Nur steht diesmal nicht Jonas neben mir (der lässt es sich nicht nehmen bei seiner letzten Fahrt selber das Steuer zu übernehmen), sondern Alain, ein ehemaliges AMPO-Kind. Zusammen mit den Kindern baut und erweckt er die Marionetten zum Leben. Ja, dieser Platz auf dem Pick-up ähnelt doch sehr dem einer Galionsfigur auf einem großen Segler. Es wird mir klar, dass ich die Wellen schneide und alleine ins Unbekannte stoße, alleine zurechtkommen muss, alleine Arbeiten, mich in Ouaga zurechtfinden und Verantwortung übernehmen muss. Schaffe ich das? Wie kann ich eigene Wege gehen, mich auch von meinem Vorgänger absetzen? Wie möglichst Vorteilhaft da stehen oder einfach mal versuchen, schlicht und ergreifend „Lukas, er-selber zu sein“ ?

Wie ich die Sorgen diesmal hinter mir lasse, bleibt für mich rätselhaft. Vielleicht habe ich schon ein wenig von den Burkinabé gelernt: Gelassenheit tut gut, Vertrauen tut gut. Es wird schon… vielleicht ist es auch ein Stück weit Erkenntnis, dass ich immer jemanden bei AMPO haben werde, dem ich mich anvertrauen kann.

Dabei hat Katrin mich heute Morgen doch noch gefragt, ob ich Angst davor habe, jetzt alleine die Ziviaufgaben bei AMPO zu übernehmen. Im Vertrauen und ohne große Umschweife habe ich gesagt, was ich fühle: Ja, Klar habe ich Angst davor. Und dann haben wir beide gelacht. Sie, weil ich nicht der erste Zivi bin und ich, ich weiß nicht. Mit Katrin kann man gut lachen. Ich sehe gerne in ihre Augen, in denen ein kraftvolles Feuer lodert. Es tut gut, mit jemanden einfach mal so ein paar Worte auf deutsch zu wechseln, einen Rückhalt haben zu können, wenn die neuen Eindrücke zu viel werden und die ungeschriebenen Regeln des Gastlandes noch nicht ganz verstanden wurden oder zu trösten, wenn der Maler einmal mehr die Theorie des größer werdenden Chaos plastisch unter Beweis gestellt hat. Irgendwie habe ich das Gefühl, Katrin schon länger als diese 4 Wochen zu kennen. Vielleicht kommt mir das so vor, weil ich durch meine eigene Mutter viel Erfahrung besitze mit dieser explosiven Mischung aus Energie, norddeutschem Pflichtbewusstsein und sehr viel Freude am Detail!

Heute habe ich zum Abschluss eines besonders heißen Tages den Kühlschrank meiner kleinen Wohnung angeschlossen. Irgendwie in Vorfreude auf den gekühlten Früchtetee an heißen Tagen, irgendwie mit einem komischen Geizgefühl, steigt die Stromrechnung mit diesem Energiefresser doch deutlich an. Auch weil ein Kühlschrank hier Manifestation von Luxus ist. Ich möchte nicht wissen, wie viele Monate ein Nachtwächter dafür arbeiten müsste. Aber die eisgekühlte Schokolade wirkt wie eine Droge, lässt den Gedanken an die ständige, allumgebende Armut für einen Moment fast erfolgreich verdrängen. Doch da ist es wieder, dieses unbestimmte Gefühl, dass ich nur Zuschauer bleiben könnte. Ich suche schnell, fast fieberhaft in meinen Gedanken nach Szenen die mich beruhigen könnten, lasse den Tagesablauf revue passieren und werde zufriedenstellend fündig: Da war heute der Kirchgang; bin mit vielen AMPO-Kindern gegangen. Welch ein Erlebnis zu erfahren, was Glauben hier bedeutet! Morgens um 9 Uhr (Die Priester haben schon 2 Messen hinter sich, um 5 und um 7) bei 35 Grad, wenn die Kirche gerammelt voll ist und daher ein großer Rest der Kirchgänger draußen bleibt. Undenkbar, dass es jemandem einfallen könnte, enttäuscht wieder nach Hause zu gehen.

Unter den AMPO-Mitarbeitern und Kindern war übrigens schon so etwas wie Erstaunen, fast Freude darüber, dass ich zur Messe gehe. Seit langem mal wieder ein AMPO-Zivi, der „croyant“, also gläubig ist. Ob Muslim oder Christ, ist in diesem, in Bezug auf Religion, wunderbar toleranten Land nicht wirklich von Bedeutung. Wunderbar tolerant, mit einer kleinen Ausnahme: Atheismus stößt auf Unverständnis und Ablehnung. So bleibt mir doch einiges erspart, keine heiklen Diskussionen, keine Verständnislosigkeit darüber, dass es auch Menschen gibt, die eben nicht an Gott glauben. Stattdessen erinnere ich mich an das, was mir mein Onkel, ein Mönch, vor meiner Abreise erzählt hat: „Für die wirklich Überzeugten ist ein Mensch, der nicht an Gott glaubt, wie ein Fisch, der das Wasser verneint.“ – Ich lasse diesen Satz im Kreise der AMPO-Kollegen fallen, zustimmende Rede folgte…

Ja, und jetzt sitze ich hier immer noch, mir gegenüber die Fotowand mit den Bildern meiner Liebsten aus Deutschland. Ich wollte nicht darauf verzichten sie mitzunehmen. Innerhalb der nächsten Viertelstunde wird es stockdunkel sein, denn in Burkina läuft die wunderschöne Tageszeit der Dämmerung wie im Zeitraffer ab. Inzwischen laufen auch nicht mehr Bachs „Goldbergvariationen“, sondern Ali Farka Toures „Goydiotodam“…

Bis zum nächsten Mal, und dann mehr, viel mehr von AMPO, den Kindern und Dingen, die mich hier jedesmal aufs Neue verzaubern oder erschrecken.

Herzliche Grüße
Ihr Lukas Terwitte

PS: Wenn Sie interessiert sind, dann lade ich Sie herzlich ein, unter www.flickr.com/photos/lukasinafrika Fotos von meiner Zeit hier in Ouaga zu betrachten.

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