Zivi-Rundbrief: Bunt ist die schönste Farbe Afrikas

Moi à Youba
Moi à Youba

Von Lukas Terwitte

Vorboten kündigen den Markt an, bevor ich ihn erreicht habe; Geruchsschwaden, Stimmengewirr, ausgefahrene Wege. Die ersten Gemüsefrauen sind bereits einige Straßenzüge vor dem eigentlichen Markt zu finden, ihre Ware im Schatten einer Mauer und am staubigen Straßenrand anbietend. Auf ausgebreiteten Tüchern liegen Tomaten, Bohnen, und Auberginen: Farbtupfer in einer ockerfarbenen Umgebung. Zu Fuß habe ich mich an diesem Sonntag aufgemacht um die Vielfalt der auf dem Markt angebotenen Waren zu bewundern, um ein paar Zutaten für das Mittagsessen einzukaufen (ich koche selten genug) und auch um die Gelegenheit zu nutzen, die vergangenen Monate Revue passieren zu lassen.

Ich bin froh darüber, dass monotone Stottern meines Motorrads zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder bewusst gegen meine gleichmäßigen Schritte eingetauscht zu haben. Schritte, welche mich zuverlässig zurück in das sich zum Ende neigende Jahr 2008 tragen, in deren Takt sich meine Gedanken sanft wiegen.

Was waren das für Monate, über die ich bisher noch nicht berichtet habe? Ich finde eine passende Überschrift für diesen zeitlichen Abschnitt lautet gleich dem Motto des neuen US-Präsidenten: Change. Ein Stichwort, welches ich nicht einmal mehr ins Französische übersetzen muss, der Sprache, die zuweilen schon die Vorherrschaft in meiner Gedankenwelt erobert hat. Veränderungen hat es wahrlich gegeben und um es vorwegzunehmen, ich empfinde sie alle als positiv. Wichtig war die Ankunft von Timo Nadolny gegen Ende November.

Vor 5 Jahren hat er die Berichte als AMPO-Zivi geschrieben und sich nach dieser Zeit ehrenamtlich bei Sahel e.V. engagiert. Aus diesem Grund eignet er sich hervorragend für seine jetzige Position, die er nun nach seinem Studium ein Jahr lang ausfüllen wird; als „Interface“ von AMPO und Sahel e.V. möchte er den Kommunikationsfluss zwischen Burkina Faso und Deutschland verbessern, was selbst in Zeiten des Internets eine anspruchsvolle Aufgabe darstellt. Auch arbeitet er sehr eng mit Katrin zusammen, quasi als eine Art „Privatsekretär“, so dass er sie ein wenig entlasten kann.

Schneller werdend erreiche ich das große und zu dieser Uhrzeit geöffnete Eisentor am Eingang des Marktes. Wie jedes Mal, kann ich es kaum erwarten und freue mich kindlich auf die Welt, die mich dahinter erwartet. Eine Welt in der, wie es scheint,) alle Farben, Gerüche und Geräusche im Überfluss vorhanden sind, ein Fest für die Sinne, eine Manifestation afrikanischen Alltagslebens. Ich trete ein, links von mir sitzt ein alter, beinloser Bettler, die Hand zu einer Schüssel geformt, um Almosen bittend. Einige wenige Meter weiter zu meiner rechten werden Fischköpfe in heißem Öl frittiert, das Fett spritzt zu allen Seiten.

Ich bleibe einen Moment stehen, schließe meine Augen und erfreue mich an den vielen unterschiedlichen Geräuschen. Insgesamt ist es nicht wirklich laut auf dem Markt; Händler die lauthals schreiend ihre Ware anbieten sucht man vergeblich. Doch an jeder Ecke wird gehandelt, geklopft und geraschelt und all das fügt sich harmonisch zu einer Einheit zusammen. Neben den Melodien des Marktes fallen mir im gleichen Moment die verschiedensten Gerüche auf, welche an mir vorbeiziehen und sich mit jedem Schritt wandeln.

Die allermeisten davon sind unromantisch und profan, oftmals riecht es sogar nach Abfall und Verderben – diese Strenge hätte mich bei meinem ersten Marktbesuch fast rückwärts wieder herausgeführt. Doch je weiter ich vordringe, desto eher finde ich die Plätze an denen sich die Gerüche nicht zuordnen lassen, zu fremdländisch und wundervoll würzig wird es dann. Plätze an denen in großen Töpfen frische Erdnusssauce zubereitet wird, wo Hibiskusblüten in riesigen Haufen lagern oder getrocknete Raupen auf großen Matten getrocknet werden.

Für meine Arbeit bei AMPO bedeutet Timos Ankunft eine Rückbesinnung auf die „traditionellen“ Zivi-Aufgaben. Auf diese kann ich mich nun wieder vollständig konzentrieren, denn vieles, was ich in den Monaten zuvor im Büro verrichtet habe, gehört nun nicht mehr zu meinem Arbeitsbereich: Email-Korrespondenzen, Übersetzungen, Tabellenarbeit, etc. pp. Ich bin darüber aus zwei Gründen sehr froh: Zum einen bietet jede Umstellung, wenn sie zunächst auch einmal mit etwas Mühen und Investitionen verbunden sein sollte, doch auch die Chance Neues zu entdecken und die (AMPO-)Welt einmal mehr aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Zum anderen ist ein leises Gefühl latenter Überforderung von mir gewichen, welches mich in den ersten Monaten wie ein Schatten begleitet hat.

Das liegt sicherlich daran, dass ich im Laufe der Zeit mit den Wegen (und den Abkürzungen) vertraut geworden bin und dank einer gewonnen Routine nun nicht mehr jedes zu lösende Problem zwei Weitere aufwirft. Doch ohne Zweifel liegt es auch daran, dass Timo einen Teil meiner früheren Tätigkeiten übernommen hat. Ein Glück! Somit bin ich nun hauptsächlich verantwortlich für die Boutique und den Export, den Computerraum sowie die Reparaturen in den AMPO-Projekten.

Transport mit Köpfchen
Transport mit Köpfchen

Nachdem ich ein wenig rumgeschlendert bin, fange ich mit meinem Einkauf an. Es fällt mir auf, wie sehr Sprache verbinden -und im selben Maße auch ausschließen kann. Die alten Marktfrauen sprechen nur Moore und schmerzlich bemerke ich die fehlenden Anstrengungen, die ich in diese Richtung unternommen habe. Es reicht zwar aus für die Begrüßung und auch um zu sagen, dass ich gerne Karotten für 100 CFA hätte, doch ein wirkliches Gespräch darüber hinaus, etwa ob die Karotten aus eigenem Anbau stammen, bleibt mir verwehrt. Tja, selbst Schuld – es ärgert mich, da mir der Abbau dieser Sprachbarriere viel Freude brächte und vielleicht sogar dazu führen würde, nicht mehr das doppelte der normalen Preise zu bezahlen.

Im Allgemeinen wird die Ware entweder auf Tischen oder, häufiger, auf aufgetrennten Plastiksäcken eine Etage tiefer präsentiert. Das sind recht haltbare Unterlagen, da das Plastik gewebt ist. Ich kenne diese Art Säcke von unserem Service Sociale bei AMPO, denn darin wird auch der Mais für die zumeist zahnlosen Alten und aidskranken Mütter aufbewahrt. Ein Burkinabé würde sich übrigens niemals auf die nackte, staubige Erde setzen und, aus diesem Grund haben die meisten Händler zwei Unterlagen: Eine, auf der in kleinen Pyramiden die Tomaten gestapelt werden und die andere für sich selber.

Die vielen Stunden, die ich bei AMPO verbringe, empfinde ich zum einen als sehr schön, zum anderen aber auch in der Summe als ziemlich anstrengend. Deshalb ist es wirklich angenehm und auch notwendig, dass mein Leben um einen richtigen Rückzugsort bereichert wurde: Anfang Dezember bin ich zusammen mit Timo in ein größeres Haus gezogen, in dem es sogar ein kleines Gästezimmer gibt. In unserem neuen Domizil wäre der Garten sogar groß genug, für die in meinem letzten Bericht angedeutete Hühnerzucht.

Doch ich fürchte, der neue Zivi-Hund macht mir da einen Strich durch die Rechnung; der kleine Racker ist kaum zu bändigen, womit sich der „Anforderungskatalog“, den wir an den nächsten Zivi stellen, um einen Punkt erweitert hätte. Die Hälfte des Umzugs habe ich übrigens stilecht mit dem Eselkarren abgewickelt, dafür hat es allerdings auch doppelt so lange gedauert als eigentlich nötig. Traditionell wird in Burkina Faso übrigens im Dunkeln umgezogen, damit die Nachbarn eventuellen Reichtum nicht zu Gesicht bekommen.

Noch viel wertvoller als das neue Haus aber ist die Tatsache, dass ich mit Timo jemanden an meiner Seite habe, der die Probleme sowie die kleinen Freuden des Zivi-Alltags nachvollziehen kann wie kaum ein anderer.

zivihund-aus
Zivihund

Ein Blick auf den Einkaufzettel sagt mir, dass ich unserem Hund eine Kleinigkeit mitbringen wollte. Der heißt übrigens „Aus“. Dieses Wort hat er in seinen ersten Tagen bei uns (zu) oft zu hören bekommen, so dass die Nachtwächter ihn irgendwann bei diesem Namen gerufen haben. Seitdem heißt er eben „Aus“ und es bleibt nur zu hoffen, dass es nicht zu weiteren Namenswechseln à la „Sitz“ oder „Pfui“ kommt.

Ich erreiche die Fleischstände, grobgezimmerte Tische, auf denen das Fleisch in kleineren Vertiefungen liegt, die von unzähligen Beilschlägen herrühren. Mit jedem Schlag der riesigen Metzgerbeile löst sich eine unfassbar große Wolke Fliegen vom Fleisch und hüllt mich ein in das Summen abertausender Flügel. Ich bin davon dermaßen fasziniert, dass ich die Frage fallen lasse, ob es offizielle Hygienevorschriften gibt und wenn ja wer sie kontrolliert und wie viel es wohl kostet, diese Person zu bestechen.

Durch eine großartige Spendenaktion in Deutschland konnten wir über 100 Rollstühle herstellen und an ebenso viele Behinderte verteilen. Produziert wurde arbeitsteilig: die Schweißerei des Straßenjungenprojektes stellte die Rahmen her, während in unserer Rollstuhlwerkstatt „Panga La Wende“ die Räder hergestellt wurden und auch die Endmontage stattfand. An bisher zwei Samstagen wurden die Rollis ausgegeben und da ich für das Fotografieren verantwortlich war, lief ich die meiste Zeit durch die Reihen der glücklichen Empfänger und dokumentierte die Übergabe.

Die Eindrücke, die ich an diesen Tagen gesammelt habe, sind nur schwer in Worte zu kleiden: Ich erinnere mich an die querschnittsgelähmte Mutter, welche sich in den Rollstuhl hievt und die, kaum da sie richtig sitzt, schon anfängt ihre beiden Zwillinge zu säugen. Genauso an den Greis, der voller Übermut seine Krücken wegwirft und in seinen letzten Lebensjahren mit dem neuen „Tricycle“ (Dreirad) zugleich auch einen Teil seiner Würde zurückerhält oder die junge Schülerin, welche durch die neu gewonnene Mobilität in eine hoffnungsvolle Zukunft schauen darf. Vergessen werde ich auch nicht den 6-jährigen Mohamed, welcher seinen Rollstuhl noch nicht aus eigener Kraft in Bewegung setzen konnte, aber schon bald in der neuen Reha-Station von AMPO trainiert wird.

Es war so schön, die strahlenden Gesichter am Ende des Tages an mir vorbeirollen zu sehen, Menschen, die noch vor wenigen Stunden gestützt oder getragen wurden, die mühsam auf ihre neuen Rollstühle zugekrabbelt sind oder sich mit Hilfe eines Stocks den beschwerlichen Weg entlang gezogen haben. Ich war froh, dass mein Gesicht durch meine Kamera verdeckt blieb; zu bewegend ist das Ereignis und zu verpönt ist es in Afrika, die dadurch ausgelöste Gefühlsregung öffentlich zu zeigen.

Auf meinem Rückweg komme ich an einem Fischstand vorbei. Auf Nachfrage erfahre ich, dass zwar ein wenig in der Barrage, dem riesigen Wasserrückhaltebecken von Ouaga, gefischt werden würde, doch dass der Großteil wohl aus der Côte d’Ivoire käme. Kaufen kann man den Fisch dann in zwei unterschiedlichen Konsistenzen: Frisch, wobei diese Beschreibung auf Ouagas Märkten in diesem Zusammenhang mit Vorsicht zu genießen ist, sowie getrocknet und in diesem Zustand in Kartons gepresst. Froh darüber, die Szenerie nicht am Nachmittag bewertet haben zu müssen, setze ich meinen Weg in Richtung Ausgang fort.

Die Blicke, die man mir zuwirft scheinen über die natürliche Neugierde hinauszugehen und so werfe ich einen Blick an mir herab um zu schauen, welchen Kleidungskodex ich wohl an diesem Sonntag gebrochen haben könnte. Doch alles was ich sehe, fällt nicht aus dem gewohnten Rahmen; ein junger weißer Mann, auf einem der vielen Märkte Ouagas stehend, beladen mit einigen Einkaufstüten.

Einen Perspektivwechsel sowie Sekundenbruchteile später, wird mir einiges klar: Das Geschlechterverhältnis auf den Märkten beträgt in etwa 100 zu 1. Die allerwenigsten Verkäufer sind Männer, normalerweise überqueren diese den Markt nur im schnellen Laufschritt. Traditionell ist es Aufgabe der Frau einzukaufen und so wundert es nicht, dass der Markt vollkommen von Frauen beherrscht ist.

Ich bin ehrlich erleichtert, die verwunderten Blicke zumindest halbwegs deuten zu können und wende mich dem Ausgang zu, freue mich am Anblick einer chaotischen Ansammlung vielfarbiger Flip-Flops. Daneben bestaune ich eine meterhohe Pyramide aus Wassermelonen. Eine Verkäuferin, traditionell eingehüllt in ein farbenprächtiges Gewand, spricht mich an und während ich für einen Augenblick stehen bleibe, wandert mein Blick die schier endlose Marktgasse entlang… bunt bleibt die schönste Farbe Afrikas.

Aktuelle Bilder finden Sie wie immer auf: www.flickr.com/photos/lukasinafrika


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