Erfahrungsbericht von Birthe Schäck

„Wer einmal hier war, der kommt immer wieder!“

Mit einem bedingt auskurierten Fieberschub, meinem rot bestaubten Köfferchen, zerzaustem, verschwitztem Haar und einigen frischen Mückenstichen, die meine Arminnenseiten zierten, stand ich am Flughafen Ouagadougous am späten Abend kurz vor meiner Ausreise.
Ungeduldig kramte ich in meinem ungeordneten dreckigen Gepäck nach einem Schreiberling, um die Ausreisekarte mit nötigen Informationen über meine Person bestücken zu können. „Geboren in..“, „wohnhaft in…“.

Mit gesenktem Kopf und voller Konzentration auf mein Formular bemerkte ich nicht, das es neben mir an die Scheibe klopfte, die hartnäckig alle Verwandten und Freunde von ihren Angehörigen trennt, sofern diese in den Wartebereich vorgedrungen sind. „Madame…madame…ein Freund von ihnen, sehen sie nur!“ Erst diese Worte rissen mich aus meinen Gedanken, die zwischen Ouagadougou und Deutschland hin und her pendelten. Es war ein Freund, der extra zum Flughafen gekommen war, um mich noch einmal in die Arme schließen zu können. Ich war froh und überrascht über diese eine letzte Begegnung, die noch einmal all mein Gefühl zu AMPO brachte, bevor ich in den Flieger steigen sollte. Letzte Worte wurden ausgetauscht und nun konnte ich meine Melancholie nicht mehr zurück halten, was sich in dicken Tränen äußerte, die über meine Wangen kullerten.

„Flapp…flapp…flapp…flapp…“ An das Geräusch unruhiger Ventilatoren, die jeden Moment von der Decke zu fallen drohten, hatte ich mich den Monat über gewöhnt, so dass sie im Warteraum des Flughafens eine beruhigende Wirkung auf mich ausübten.

Spätestens nachdem ich meinen Sitz im klimatisierten Flugzeug gefunden hatte und die Stewardessen mit Mückentöter in Sprühform durch die Gänge liefen, merkte ich tief im Herzen, dass ich nun diese andere, mir so wohl – und liebgewonnene Welt verlassen muss.
O U A G A D O U G O U, ein letztes Mal las ich die Buchstaben über der kleinen Flughafenhalle, bis wir absetzten und mit dem Flieger mein Herz voller Erinnerungen, Eindrücke und unbeschreiblicher Begegnungen nach Deutschland flog.

Mein Gefühl aber sagte mir in diesen Minuten ganz deutlich: „Du wirst wiederkommen, es war nicht das letzte Mal!“

Bepackt mit einigen Geschenken für die Kinder, zwei Kilo Bonbons, 240 Feuchttüchern, drei Dosen Mückenspray, einem Laptop, einer Kamera & Stativ, einem Fotoapparat, mehreren Büchern, Papier & Pinseln sowie einigen sommerlichen Klamotten, kam ich am 03.09.2009 in Ouagadougou an.

Freudig schloss ich meine kleinen Freunde AMPOs sowie Katrin und Timo in die Arme, die ich über ein Jahr nicht gesehen hatte. Mein mit der Weile dritter Aufenthalt bei AMPO begann sonnig und heiß. Deutlich erkennbar jedoch die Schäden vergangener Regentage, die so dominant ausfielen, das 250.000 Burkinabé ihre Häuser verloren, die unter dem Regen wie Watte in Wasser zusammen sanken. Ouagadougou traf es hierbei besonders hart. Das Elend, so merkte ich an der betrübten, oder sagen wir besser aussichtslosen Stimmung, erschien in diesen Wochen grenzenlos und prägte meine Praktikumzeit. Die vielen häuserlosen Menschen kamen derzeit in Schulen unter, wo sie, dicht an dicht, ein Lächeln aus Dankbarkeit für das Dach über ihren Köpfen, hervorbrachten.

Schon während meines ersten AMPO- Aufenthaltes im Jahre 2006, wo ich zwei Wochen das Krankenhaus mit meiner Anwesenheit beglückte und die ein oder andere Träne vor Selbstmitleid nicht verbergen konnte, sagte Katrin Rohde zu mir: „Die Menschen sterben links und rechts deines Krankenzimmers, da sie kein Geld für eine Behandlung haben und du beschwerst dich über eine Malaria!“ Damals harte Worte für ein 18-jähriges Küken aus Europa und ich war sichtlich empört.
Heute, nach drei Aufenthalten in Ouagadougou und dem Erleben täglichen Leids auf den Straßen Burkina Fasos, hungernden Kindern, einer Flutkatastrophe, 250.000 häuserlosen Menschen und sich verbreiteten Seuchen und Krankheiten, einer unbezwingbaren Arbeitslosenrate sowie einer Kindersterblichkeitsrate, die mich Ohnmacht spüren lässt, frage ich mich selber: Über was beschweren wir uns in Europa? Gibt es wahre Gründe, oder ist der Grund, keinen Grund zur Beschwerde zu haben? Ist es unser Überkonsum europäischer Luxusgüter, der uns Unglück spüren lässt?

Ich möchte nicht von meinen Erfahrungen und Einzelheiten vor Ort bei AMPO berichten und auch nicht von den Farben, den Gerüchen, den Kinderstimmen und lächelnden Gesichtern, die wir Praktikanten bei AMPO in uns aufnehmen, denn ich denke, dass Worte nicht genügen, um diese Eindrücke nur ansatzweise zu beschreiben, so dass ihr euch ein Bild machen könntet, wie man in Ouagadougou aufwacht, seinen Tag verlebt und abends einschläft. Aber ich möchte euch beschreiben, was diese Zeit mit mir selbst machte und wie sie mich veränderte.

Als ich 2006 das erste Mal nach Ouagadougou flog, stand für mich meine eigene Integration in den afrikanischen Alltag an oberster Stelle. Mit einem hohen Grad an Offenheit und der Bereitschaft, alles zu essen und alles zu riskieren, zog ich los, um die Welt zu retten. Als ich bei AMPO ankam, merkte ich schnell, dass das afrikanische Leben nicht für uns Europäer gemacht ist und es schier unmöglich ist, alles zu essen, alles Visuelle zu verarbeiten und sich zwanghaft in alle Situationen hineindrängen zu können in der Hoffnung, sich zu integrieren. Und ich realisierte, dass es nicht von Relevanz ist, zu leben wie ein Afrikaner. Nein, ich verstand für mich, das es schier unmöglich und von höchster Dummheit ist, seine eigenen Bedürfnisse während des Praktikums hinten an zu stellen. Krankheitsschübe, Erbrechen und Durchfall wiesen mir schnell den Weg zurück und zeigten mir, dass es sehr wohl erlaubt und sogar wichtig ist, seine tägliche Cola zu trinken, allein des Zuckerhaushalts zu Liebe, und ich mich nicht dafür schämen bräuchte, den Tageslohn eines Afrikaners mit einer einzigen Cola zu vertrinken.

„Man kann nur Gutes leisten, wenn es einem selbst gut ergeht“. So war es also ebenfalls wichtig, neben dem Blick für andere auch auf sich selbst Acht zu geben.

Nach all meinen Aufenthalten bei AMPO habe ich heute eine hohe Sensibilität für einfache und ursprüngliche Schönheit entwickelt. Dinge, die ich früher für relevant in meinem Leben hielt und an denen ich mich orientierte, wie etwa der Besitz modernster Technik, aktueller Mode und zierenden Schmucks, die ich gekonnt einsetzte, um meine Konkurrenz auszuschalten, sind für mich heute Beweis dafür, dass wir wenig andere Inhalte in unserem jungen Leben geboten bekommen, die uns Jugendlichen die Möglichkeit zur Orientierung bieten. In Afrika wurden mir viele Eindrücke und Erfahrungen geschenkt, die mir eben diese Orientierung ermöglichten, die für einen jungen Erwachsenen so relevant ist. Heute ist es mir wichtig, mein Leben mit Dingen zu zieren, von denen ich im hohen Alter laben kann. Meine Afrikaaufenthalte und der Umgang mit dem Ursprünglichen, Einfachen und Alltäglichen in Ouagadougou halfen mir, ein Feingefühl für wirklich Wertvolles zu entwickeln, nämlich den Dingen, die ein Stern an meinem Horizont der Erinnerungen darstellen fernab materieller Eintagsfliegen.

Ich kehrte aus Afrika zurück und spürte tief im Herzen eine solch große Bereicherung, dass ich realisierte: nicht ich kam, um zu helfen, sondern Afrika kam und half mir, wieder Glück zu verspüren und dafür danke ich all denjenigen, die dazu beigetragen haben!

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