Die eigene Kultur darf nicht der Maßstab sein

Quelle: FrauenRat, 1/2011

Freiwillige in Afrika von Marianne Lange

„Zwillinge?“, empört sich Souleymane Nana in Ouagadougou, »von wegen Zwillinge! Da siehst du Kinder, die ganz unterschiedlich groß und alt sind; aber man zieht ihnen zwei gleiche Kittel an und gibt sie als Zwillinge aus, um Mitleid zu erregen, nachts auf den Straßen der Stadt.“

Lena Strack (27) hört dem erfahre­nen Sozialarbeiter einfach zu. »Die Bettlerinnen erzählen, dass man sie wegen der Kinder verstoßen habe, auch der Vater gebe nichts, daher bräuchten sie eine milde Gabe.« Nana kennt die Armut in der Haupt­ stadt Burkina Fasos. Er leitet das Haus MIA, einen Zufluchtsort für schwan­ gere junge Frauen, eine Einrichtung des Vereins AMPO. „500 Francs (0,80 Euro) pro Kind zahlt eine Frau an eine Tagesmutter, bei der sie ihre Kinder lässt, während sie arbeiten geht«, erzählt Nana weiter. „Kann die Frau abends die vereinbarte Summe nicht zahlen, behalten manche Betreuerin­ nen die Kinder als Pfand. Bis die Mutter das Geld zusammen hat, nutzen sie die Kinder aus.“ Zum Bei­spiel, indem sie sie an BettlerInnen vermieten.

Anpacken und Auspacken: Lena Strack und Mitarbeiterinnen des AMPO-Mädchenhauses
Anpacken und Auspacken: Lena Strack und Mitarbeiterinnen des AMPO-Mädchenhauses

Lena Strack ist Industriedesignerin und kommt aus Ravensburg. Über das Leben in Burkina Faso weiß sie inzwischen ganz gut Bescheid, denn sie ist zum vierten Mal in Oua­ gadougou. Auf der Suche nach einem Praktikum kam sie als Studentin vor
Anpacken und Auspacken: Lena Strack und Mitarbeiterinnen des AMPO-Mädchenhauses einigen Jahren mit AMPO in Verbindung. „Da ich Französisch spreche, kam Westafrika in Frage. Ich wollte Afrika kennenlernen und am besten durch Arbeit.“

Das ist ein Wunsch, der viele antreibt, die sich für ein Praktikum bei AMPO interessieren. In dem vormaligen Heim für Waisen und Straßenkinder, heute ein soziales Projekt mit ver­ schiedenen Einrichtungen, arbeiten seit Jahren deutsche Freiwillige. Sie leben dort in sehr einfachen Unter­ künften und tragen die Kosten für die Reise selbst, außerdem haben sie ein strenges Auswahlverfahren durchlau­ fen. Denn geeignete PraktikantInnen für die Arbeit in Afrika zu finden ist nicht einfach, weiß die Erziehungs­ wissenschaftlerin Christine Adamou, die in Ouagadougou das AMPO­Mäd­ chenhaus leitet. Auf keinen Fall dürfe ein Neuling versuchen, die eigene Kultur zum Maßstab zu machen: „Die ideale Person kommt bei uns an und hört erst einmal drei bis vier Tage nur zu. Sie beobachtet, was wir machen, sie spricht viel mit den Erzieherinnen. Denn die sind ja am engsten mit den Kindern im Kontakt. Sie hält ihnen keine Vorträge, wie es in Europa zugeht, und sie wirft ihnen nicht vor, dass sie nicht richtig mit den Kindern spielen. Sie stellt einfach nur Fragen, wie wir die eine oder andere Sache angehen.“

Nicht im Kinderhort, sondern in der Schreinerwerkstatt von AMPO wollte Lena Strack ehrenamtlich mitarbeiten. Sie wurde dort zwar angenommen, aber der Anfang war schwer. »Ich habe alle Fehler gemacht, die man nur machen kann«, erzählt sie. „Ich war gegenüber den Jugendlichen, die dort ausgebildet werden, zu kumpel­ haft. Das ging nicht. Besser funktio­ nierte, über den Meister an die Jungen heranzutreten. Der hat mich erst im zweiten Jahr wirklich akzep­ tiert. Zuerst haben sie mich richtig abgecheckt. Ich sollte sägen, ich sollte hobeln. Zum Glück hatte ich Vor­ kenntnisse vom traditionellen Hand­ werk. Kaum einer hobelt ja heute in Deutschland noch von Hand! Ich war auch überfordert mit dem Klima. Sogar die kleinen Kinder haben mir gesagt: „Du bist doch weiß, du kannst das gar nicht aushalten!“

Birthe Schäck aus Bremen, Praktikan­ tin bei AMPO in den Jahren 2006 bis 2009, hat Ähnliches erlebt und schreibt in ihrem Praktikumsbericht dazu: „Als ich ankam, merkte ich schnell, dass das afrikanische Leben nicht für uns Europäer gemacht ist und es schier unmöglich ist, alles zu essen, alles Visuelle zu verarbeiten und sich zwanghaft in alle Situa­tionen hineinzudrängen in der Hoff­ nung, sich zu integrieren.“

Die Praktikumsdauer für Europäer­ Innen bei AMPO wurde inzwischen von zwei Monaten auf einige Wochen verkürzt. Christine Adamou erklärt, warum: „Dadurch haben wir weniger Probleme mit den jungen Leuten. Sonst waren sie nach einer Weile so gut eingewöhnt’, dass sie zu viel ris­kierten. Dann essen sie alles und werden krank, dann steht ein ‚Rasta­ Mann‘ vor der Tür, weil sie eine Bezie­hung angefangen haben, dabei können sie mit dem Land noch nicht wirklich umgehen.“

Einheimische Freiwillige

Leichter umgehen mit ihrem Land könnten wohl junge Freiwillige aus Burkina Faso selbst. Und die gibt es, auch als staatliche Förderpolitik, um der hohen Jugendarbeitslosigkeit vor Ort zu begegnen. Allein 600 von ihnen wurden 2010 durch die Nationale Freiwilligenagentur als LehrerIn­ nen in den ländlichen Raum vermit­telt. Das Gesetz zum Freiwilligen­ dienst sieht für sie eine Aufwandsent­schädigung vor, die knapp über dem Mindestlohn (rund fünfzig Euro im Monat) liegt, dazu kommt die Sozial­ versicherung. Das kann für eine sozi­ ale Einrichtung wie AMPO schon zu viel sein. Deshalb hatte Christine Adamou für die Schülerinnen im Mädchenhaus stundenweise Studie­ rende als NachhilfelehrerInnen einge­setzt – für eine Benzinkostenpau­ schale. Doch die Behörden machten ihr einen Strich durch die Rechnung und verlangten, dass sie die Aushilfen anstellt und bei der Sozialversiche­rung anmeldet.

Gemischte Erfahrungen gab es bei AMPO in Ouagadougou auch mit anderen burkinischen „Freiwilligen“. So berichtet Katrin Rohde, die das Projekt 1994 gründete: „AMPO hat manchmal Anfragen für ein Prakti­ kum, diese werden im Direktoren­ team entschieden. Die Erfahrung dort ist, dass einheimische Freiwillige oft versuchen, ein Bein in eine ausländi­ sche NGO zu bekommen, zuerst nur gegen Benzingeld, später wollen sie angestellt werden und verdienen. Auch gibt es Studentengruppen, die Geld oder Kleidung sammeln und dies dann vorbeibringen, was nett ist. Alles bleibt aber immer punktuell und kommt mal und mal nicht.“ Ein Prob­lem, das vielen sozialen Einrichtungen in Deutschland auch vertraut ist.

PraktikantInnen rekrutieren sich aber auch aus den einheimischen Studien­ gängen. Wer an der Universität Oua­ gadougou Psychologie oder Sozial­ wissenschaften studiert, sollte im Lauf des Studiums ein ein­ bis dreimonati­ ges Praktikum absolvieren. Auch AMPO setzt solche PraktikantInnen ein. Zweifelhaft erschien Mädchen­ hausleiterin Christine Adamou dage­ gen die jüngste Anfrage eines Burki­ners: „Er hat uns auf mehreren hand­ geschriebenen Seiten vorgetragen, dass er eines unserer Mädchen gern als Pate unterstützen wolle – egal welches, weil ,die Menschen doch alle vor Gott gleich seien. Das war mir zu religiös, deshalb habe ich abge­ lehnt!“ Sinnvoll fände sie jedoch, wenn sich EhrenamtlerInnen bei der Sozialstation melden würden: „Wir haben 4.000 Kontakte dort, jeden Monat. Da könnten wir viele Freiwil­lige gebrauchen, die Lebensmittel an Bedürftige austeilen, Kleidung verge­ ben und zuhören.“

Marianne Lange ist Diplomvolkswirtin und freie Journalistin.

Über Möglichkeiten der Freiwilli­genarbeit bei AMPO – Hilfe für Kinder in Burkina Faso/Westafrika informiert die Webseite www.sahel.de.

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