AMPO-Rundbrief Oktober 2012

Liebe Freunde unserer Kinder in Burkina Faso,

mit einem Herzen voller Freude und Dankbarkeit schreibe ich heute an Sie! Hoffentlich sind Sie gesund und heiter. Dahin geht unser erster Wunsch, denn wir hier in Ouagadougou, wir sind es, nicht zuletzt Dank Ihrer tätigen Hilfe.

Noch nie hatten wir einen schöneren Sommer wie den diesjährigen! Gleich zum Ferienbeginn wurde ein dreiwöchiger Kunstworkshop eingerichtet. 180 AMPO-Kinder durften sich aussuchen, was sie jeweils dreimal eine Woche lang tun wollten: tanzen, töpfern, Theater spielen, basteln, malen – alles dies mit wahren professionellen Lehrern. Diese lockten aus den zu Beginn noch schüchternen Kindern ungeahnte Fertigkeiten. Wir fanden begabte Tänzer, begnadete kleine Maler und lustige Komiker. Auch hatten wir gerade zwei deutsche Praktikanten mit uns, die begeistert teilnahmen, alles filmten und fotografierten und dreimal in der Woche abends Filme für die Kinder zeigten. Birga und Leonce, vielen Dank! Alle Gruppen bestanden aus jeweils 17 Kindern, Jungen und Mädchen, alle Altersstufen gemischt. Können Sie sich vorstellen was dabei für großartige Theaterstücke herauskamen? Selbst die Drehbücher wurden von den Kindern  selbst geschrieben. Zum Schluss zeigten alle an einem Nachmittag ihr Können, vor Botschaftern und anderen Besuchern. Der Beifall war groß und wurde nur durch einen dicken Platzregen beendet. Wir, die Erzieher, standen völlig erstaunt vor so viel Talent, das hatten wir selbst nicht gewusst, was unsere Kinder alles können. Da wir jedes Jahr wieder gute Berufe für alle finden müssen, hilft uns dies natürlich nun bei Entscheidungen für die Zukunft der AMPO-Kinder.

Nach dieser herrlichen Zeit ging es dann gleich ans Waschen und Packen, unsere bislang weiteste Reise war geplant. Mit 180 Kindern und 30 Erziehern, Köchinnen etc. fuhren wir in das 600 km weit entfernte Banfora im Süden unseres Landes. Noch nie hatten die Kinder Zuckerrohrfelder gesehen, keine Wasserfälle oder  Zitronengrasplantagen. Die kleine Adissa stand, als die Busse kamen, zwei geschlagene Stunden als erste da, Fuß auf dem Trittbrett, damit wir sie ja nicht vergessen! Der Transport war schrecklich teuer, drei Busse, so weit, jedoch wollte ich zu gerne, dass die Kinder einmal diese schöne Erfahrung machen. Gott sei Dank gab unser liebenswerter Verein in Plön einen großzügigen Zuschuss. Nächstes Jahr fahren wir alle nur auf unsere Farm nebenan, da sparen wir das dann wieder ein! Los ging die Reise, begleitet von unseren beiden Pick-ups voller enormer Töpfe, Säcke mit Bohnen, riesigen Kellen und Kochherden. Natürlich wurde zwischendurch ein Picknick veranstaltet, jeder war mit einer Dose Ölsardinen und einem halben Meterbrot ausgerüstet. Sämtliche Erzieher waren nach der Packerei am Rande der Nerven – und das bei bester Laune! Ja, Überstunden, das Wort kennen wir hier nicht….

Angekommen in einer großen Schule, wo wir 8 Schulklassen für uns allein hatten (mit fließend Wasser und Elektrizität!), begannen die Kleinsten sofort begeistert ihre Skateboards auszuprobieren, denn, oh Segen, es gab zementierte Terrassen! Die Großen entdeckten die Märkte, die Jungen organisierten Tanzabende, die Mädchen halfen in der Küche. Es gab Theaterabende und einen Schriftstellerwettbewerb, Wettsticken und Marmelkampf. Vor 25 Jahren lernte ich dort im Süden Feuerschlucker kennen, einer von ihnen bestritt einen Abend mit den Kindern, das Staunen und die Furcht waren groß…. Der zweite Vorsitzende unseres afrikanischen AMPO-Vereines kommt aus einem Dorf nicht weit von Banfora, aus einer verschwindenden Ethnie, den Toussian. Er lud alle Kinder in sein Dorf ein, wir durften Tänze sehen und traditionelle Musik hören, die es kaum noch gibt. Anschließend spielten unsere Fußballer gegen deren Schülermannschaft – Gott sei Dank 1:1, das war ja schön gerecht!

Alle Kinder besuchten nach und nach auf unseren Pick-ups die berühmten Wasserfälle. Sie liebten es dort im flachen Wasser zu toben. Ich selbst war Zeugin, denn mit meiner Enkeltochter Mia und meiner rechten Hand Connie lebten wir eine Woche in einem nahen Hotel. Eine unvergessliche Zeit!

Diese Ferienkolonien von AMPO tragen jeweils Namen, dieses Jahr hieß sie „Victor-Victoire“. Einer unserer AMPO- Jungs schaffte nämlich das schier Unmögliche, er übersprang die Klasse der Mittleren Reife (die hier beinahe so schwer wie ein Abitur ist). Darum, als Beispiel für alle, nannten wir die Kolonie 2012 nach Victor, er war sehr gerührt. Jacob, seit einem Semester nun auf der Universität, studiert Informatik. Wir haben kein Geld, ihm einen eigenen Laptop zu kaufen, trotzdem schnitt er als Universitätsbester ab! Vielleicht findet sich eine/r unter Ihnen, der diesen hoffnungsvollen Jüngling damit unterstützt? Ein guter Laptop kostet hier so ungefähr 500 bis 600 Euro.

Und damit kommen wir zu den Schulergebnissen. Die Kinder arbeiten gut in der Schule, einigen fällt es leicht, andere tun sich schwer, wie überall, jedoch ist das System hier alles andere als bekömmlich. Zwischen 60 und 120 Schüler sind in einer Klasse, kein Lehrer hat Zeit auf ein Kind einzugehen. Etliche der AMPO-Erzieher bleiben abends länger, um mit den schwächeren Kindern für die Prüfungen Ende Mai zu arbeiten. Auf eigenen Wunsch der Kinder wird ab März der Schlüssel zum Fernseher abgegeben, das ist immer ein feierlicher Akt! Große helfen den Kleinen, jede ist stolz, wenn ihre kleine Schwester einen anständigen Abschluss macht. Nun, bei den Jungen haben sämtliche Schüler den Grundschulabschluss geschafft, der hier erst mit 12 Jahren nach sechs Jahren Schule gemacht wird, da alle Kinder ja auch noch Französisch lernen müssen. Bei den Mädchen muss eine einzige die letzte Klasse wiederholen, unsere ewig unkonzentrierte Adissa. Dieselbe, die sagt, wenn es mal Bonbons gibt: „Wenn ich nicht noch einen kriege, kletter ich aufs Dach und bleibe ewig dort…!“ Den vergleichbaren Mittelschulabschluss, diese schwere Prüfung, müssen drei Jungen und drei Mädchen wiederholen. Sie kamen spät zu uns und hatten nicht die gleiche Chance wie andere. Nächstes Jahr wird es besser. Sogar unser einarmiger Junge hat nun bestanden, nach zwei Anläufen wegen Prüfungsangst. Bei den Jungen macht dieses Jahr keiner Abitur, bei den Mädchen haben alle vier Abiturientinnen bestanden! Von insgesamt 98 Schülern müssen also nur sieben Kinder wiederholen. Ich finde dies für so schicksalsgeschlagene kleine Menschen unglaublich gut! Wir sind stolz auf sie!

Dies kam auch ganz besonders heraus bei unserer diesjährigen Abschlussfeier: 22 Mädchen aus dem Mädchenwaisenhaus und den Häusern MIA und ALMA und einen Jungen aus dem Jungenwaisenhaus haben wir ins selbstständige Leben entlassen. Jedes Mädchen hatte sich besonders hübsch gemacht, jede erschien in einem selbstgeschneiderten Kleid: alle in gleichen Stoffen, aber verschiedenen Modellen. Sie  werden weiterhin für ein Jahr draußen von uns betreut. Natürlich haben alle Angst, aus ihrem geschützten AMPO-Leben nun hinauszutreten in die so bedrohliche Welt. In dieser Stadt kann man leicht untergehen. Die Feier war dieses Jahr besonders berührend, eigentlich liefen uns allen beständig die Tränen aus den Augen, Kindern sowie Erziehern und Direktoren. Die Abschiedsreden der nun scheidenden Mädchen waren bewegend. Eine von ihnen sagte doch tatsächlich: „Ich kann ohne Maman nicht leben, ohne sie bin ich nichts!“ (- wie musste ich weinen!) Eine andere: „Ich gehe, aber mein Herz bleibt hier bei Euch!“ Und eine sprach von Ihnen, ja, von Ihnen allen. Wie sehr sie dieses Leben in Sicherheit geliebt habe, wie sehr sie allen dankt, die dazu beigetragen haben, allen denen, die dafür Spenden und Liebe schickten. Sie sagte, frei übersetzt: „Jeden Morgen, wenn der Hahn kräht und ich zu meinem Gebet gehe, da bete ich für diese Menschen so weit fort von uns, diese die mir mein Leben neu geschenkt haben.“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Ihr Werk!

Seien Sie wie immer bedankt – und: einen schönen Herbst mit Gottes Segen!

Dies wünscht Ihre

Katrin Rohde in Ouagadougou

Beitrag weiterempfehlen