AMPO-Rundbrief November 2013

Liebe Freunde unserer Kinder in Ouagadougou in Westafrika!

Nun geht es schon auf Weihnachten zu, dabei fühle ich, dass es erst gestern war als ich Ihnen ein frohes neues Jahr 2013 wünschte!
Die Zeit rennt, in Ihren eigenen Familien in Deutschland sicherlich genauso wie hier in der Sahelzone.
Nach zwei Monaten in Europa auf Lesetour werde ich hier auf dem Flughafen von AMPO-Kindern abgeholt die plötzlich 20 cm gewachsen sind! Gerade flüchtete sich die kleine Rasmata noch in meine Arme, heute kommt sie als junge Dame daher. Unser erster Großer hat sein Examen als Ingenieur bestanden!

Ich hoffe Ihr Jahr 2013 war gut, vor allem was Ihre Gesundheit und die Ihrer Familie angeht.
In puncto Frieden können wir dies hier in Burkina Faso dieses Jahr Gott sei Dank auch sagen. Leider herrschen schon 200 km nördlich, in Mali, Krieg und Verzweiflung. Wir unterstützen aus AMPO (die Kinder selbst mit ihrem Taschengeld) seit vielen Jahren eine Schule im Dogonland in Mali, die nun praktisch gar nicht mehr existiert. Da es dort kaum eine Ernte gab, herrscht Hunger. Wir tun was wir können. Sollten Sie ein wenig Geld übrig haben: Wir schicken es für Sie dorthin. Wir in AMPO kennen afrikanische Wege. Für uns Europäer ist der Zugang dorthin, wie auch in den Norden unseres eigenen Landes, wegen der Bedrohung durch die Al-Quaida seit langem verschlossen. Damit müssen wir hier leben.

In AMPO sind die Kinder bis auf viele Malariafälle (und dieses Jahr leider auch Dengue-Fieber) gesund und arbeiten fleißig in Schule und Handwerk – trotzdem ganz AMPO eine einzige Baustelle ist. Die Kinder mussten für ihre Klassen- und Schulabschlüsse büffeln während um sie herum die Bagger jaulten, die Baumaschinen piepten und die Bauarbeiter leider andauernd Strom- und Wasserleitungen durchschnitten – oh Afrika!

Unser Ergebnis kann sich trotzdem sehen lassen: Bei den Mädchen bestanden insgesamt 88% aller Schülerinnen, bei den Jungen muss nur ein einziger das Schuljahr wiederholen. Hier haben wir auch einen ganz besonderen Jungen: Unser Hamidou K. ist zweiter auf dem „plan national“, also landesweit der zweitbeste Schüler seines Jahrgangs von ganz Burkina Faso. Wir sind stolz! Trotz Bauschutt und Lärm hat er so viel Konzentration aufbringen können, viel Glück weiterhin, lieber Hamidou!

Wartende vor der AMPO-Krankenstation
Wartende vor der AMPO-Krankenstation

Die Stadt Ouagadougou breitet sich immer mehr aus. Brauchte ich früher für den Weg in die Innenstadt 10 Minuten, ist es heute je nach Tageszeit manchmal eine ganze Stunde. Die Straßen sind zu schmal, es gibt zu wenige.
Ausgerechnet aus unserem kleinen Weg, der die beiden AMPO- Waisenhäuser trennte, wird eine vierspurige Schnellstraße gebaut. Die Gefahr der schnell fahrenden Autos in einer Stadt mit höchster Unfallziffer ist für unsere Waisenkinder unabsehbar.
Seit März knallt und rüttelt es, die Blechdächer vibrieren, viele unser Gebäude haben Risse bekommen. Die riesigen Baumaschinen graben bis zu sechs Meter tief den Müll aus. Die neue Straße liegt jetzt gut einen Meter höher als unsere beiden AMPO-Grundstücke, die zur Regenzeit nun volllaufen wie eine Badewanne – leider ohne Abfluss! Kein Stöpsel! Theoretisch müssten wir alles abreißen, viel Erde auffahren und dann neu bauen. Soviel Geld haben wir aber nicht.

Provisorischer Eingang in die AMPO-Krankenstation
Provisorischer Eingang in die AMPO-Krankenstation

Lange Zeit war ich sehr entmutigt, vor allem weil dies auch unsere Krankenstation schwer beeinträchtigt. Bis zu 70.000 Patienten haben wir jährlich, nun dann auf beiden Seiten der Schnellstraße und gerade sie sind stark bedroht durch die neue Verkehrssituation. Alle Waisenkinder werden dort behandelt und geimpft, jährlich gewogen, zahnärztlich überprüft und zum Optiker geschickt. Die Stadt zwang uns, die Wartesäle vor der Tür abzubauen, die Kranken sitzen jetzt in der grellen Sonne. Schnellstens müssen hier Lösungen gefunden werden. Wir mussten auf Befehl innerhalb einer Stunde unser Eingangstor
schließen! Da schlugen wir ein Loch in die Wand der Gynäkologie, damit die Patienten überhaupt in die Krankenstation gelangen können. Patienten nun drin, Gynäkologie jedoch leider geschlossen!
Eine weltweit renommierte Schweizer Stiftung, sehr professionell geführt, gab mir gab mir kurzerhand und völlig unkompliziert 20.000 Euro für den Umbau der Krankenstation. Da sieht man, was so ein großer und versierter Geber von AMPO hält, es macht mich froh so gute Partner zu haben.
Damit kann ich die Krankenstation nun zu weiten Teilen wieder funktionsfähig machen, ja, vermutlich wird sie besser denn je. Seit gestern werden Mauern hochgezogen, das erste alte Dach fiel bereits. Wir danken sehr für diese spontane und freundliche Hilfe und werden in neuem Glanze erstehen!

Unsere so wichtige und ständig überfüllte Reha-Station für Kinder und Babies bekommt dadurch ein wenig mehr Platz, da die Wundbehandlung in neue Räume zieht. Darüber ist unser Roc, Physiotherapeut, selig. Er bettelte jahrelang um mehr Platz – voilá! Nicht mehr wegzudenken ist dieser segensreiche Ort, denn inzwischen bekommen wir sogar Anfragen aus Privatkrankenhäusern zur Übernahme von schwer verletzten Kindern und Babies. Sollte am Ende doch etwas Gutes bei den vielen Sorgen und durchwachten Nächten herauskommen?
So ist es ja oft – wie oft habe ich mich gänzlich umsonst gesorgt in meinem Leben, und Sie sicherlich auch. Also: mit Zuversicht geht es weiter! Hier ein Wort, das wir täglich mehrfach benutzen sollten. Wollen wir uns das nicht alle mal angewöhnen?

In diesem Jahr waren wir, was unsere Ferien anging, sehr bescheiden. Alle Kinder fuhren nach und nach mit sämtlichen Erziehern nur ungefähr eine Dreiviertelstunde und waren schon in ihrem Feriendomizil angekommen, nämlich auf unserer eigenen Farmschule Tondtenga (das heißt auf Moré: Unser Erde).
Dort haben wir im letzten Jahr ein neues kleines Kongresszentrum errichtet, unter anderem für alle 240 Absolventen der Ackerbauschule, die inzwischen in Burkina Faso verteilt 24 kleine Bio-Farmen eigenständig betreiben. Sie kehren alle drei Monate zurück und lassen sich auf den letzten Stand der Erkenntnisse für biologischen tropischen Ackerbau bringen, vergleichen Marktpreise und Märkte und helfen sich gegenseitig.

Hier hatten es nun alle AMPO-Waisenkinder drei Wochen lang herrlich! Schlafen, spielen, singen, reiten, tanzen, Sport und Schafe hüten – während des Jahres haben wir nur an Sonntagen Zeit, denn Schule nehmen wir hier sehr ernst, darum sind die Ferienwochen so schön. Alle Kinder kommen völlig verwildert zurück! Danach gehen sie für 2-3 Wochen in ihre Restfamilien, damit sie ihre Wurzeln nicht verlieren. Dies können Onkeln sein, Schwestern, Großmütter oder auch die „Kleinen Mütter“, wie man hier die Nebenfrauen der wirklichen Mutter nennt. Unsere Kinder kommen zwar meist magerer zurück, haben aber ihre Beziehungen zur Familie erneuert. Dies ist sehr wichtig für den Moment, wenn sie AMPO eines Tages verlassen werden müssen. Natürlich haben nicht alle Kinder Verwandte, einige sind auch gefunden, verlassen oder misshandelt. Diese werden von einigen Erziehern mit nach Hause genommen und fügen sich fröhlich in deren Familien ein.

Abgänger des Jungenwaisenhauses mit Katrin Rohde
Abgänger des Jungenwaisenhauses mit Katrin Rohde
Auf der großen Abschiedsfeier im Juli waren wir wie immer sehr gerührt. Diesmal verließ uns nur ein Mädchen aus dem Waisenhaus, 10 Jungen jedoch gingen hinaus ins Leben! Dies mir, ich bin ja so eine Jungsmutter… anbei ein letztes gemeinsames Foto von uns. Inzwischen leben sie alle irgendwo in der großen Stadt und gehen ihrem Handwerk oder ihren Studien nach. Ich vermisse sie sehr im täglichen Leben. Nächste Woche werde ich sie jedoch alle sehen, denn da findet die Hauptversammlung unseres hiesigen AMPO-Vereines statt, und alle Ehemaligen, die etwas auf sich halten, sind dort natürlich Mitglied.

Mädchen des Hauses MIA mit Katrin Rohde
Mädchen des Hauses MIA mit Katrin Rohde
Einen runden Geburtstag gab es dieses Jahr:
das Haus MIA feierte seine ersten 10 Jahre! Hier wohnen 25 Mädchen mit schwierigsten Schicksalen, etliche schwer an AIDS erkrankt, zusammen mit ihren Kindern. Ich möchte dem Leiter Souleyman Nana gratulieren, denn mit viel Hingabe und Liebe hegt und pflegt er seine kleine Herde aus schutzbedürftigen Menschen.
Wegen Zwangsheirat, früher Schwangerschaft, AIDS oder Misshandlung sind diese Mädchen unter 21 Jahren völlig auf sich gestellt, in einem Land mit absolutem Patriachat. Im Haus MIA sind sie in Sicherheit, leben in Gemeinschaft und lernen einen Beruf. Natürlich sterben einige von ihnen bei uns, jedoch sterben sie nicht alleine im Straßengraben, sondern wir dürfen ihre Hand halten. Ihre Kinder werden weiterleben und in unseren Waisenhäusern aufgenommen.
Kinder aus Haus MIAMIA-Kinder sind ganz besondere kleine Menschen. Sie teilen wirklich immer alles, selbst Bonbons machen von Mund zu Mund die Runde (wenn nur einer da ist!). Ihre ersten sechs Jahre im Leben haben sie immer so 25 vollgültige Mütter! Jede nimmt sie auf den Arm, wickelt sie, setzt sie aufs Töpfchen. Jede tröstet, schimpft aus, wäscht sie, schläft auf der gleichen Matte mit ihnen und lehrt sie später das Tanzen!
Der erste Satz den jedes Kind im Hause MIA lernt, wenn es sprechen kann, geht so: „Ich heiße Some Maryam (z.B.) und bin ein Kind von AMPO“, mit deutlicher Betonung auf dem letzten Wort. Dies für den Fall, dass es uns verloren geht, immer unsere größte Angst. Verlorengegangene Kinder haben wir schon genug, das ist so traurig!
Vielen Dank lieber Leiter des Hauses MIA, von allen zärtlich „Tonton Chouchou“ genannt, für diese jahrelange treue großartige Arbeit im Dienste der Menschlichkeit.

Vielen Dank auch Ihnen liebe Freunde und Pateneltern!
Danke fürs Zuhören, fürs Hinhören auf unsere großen und kleinen Sorgen, für Gaben, Päckchen, Geld, gute Gedanken – kurzum Dank dafür, dass es Sie in unserem Leben gibt!

Ihre Katrin Rohde in Ouagadougou

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