Einen Traum verwirklicht: Katrin Rohde wurde Mama Tenga

HAMBURGER ABENDBLATT 24.08.2013

Vor 21 Jahren verkaufte Katrin Rohde ihre Buchhandlung in Plön und ging nach Burkina Faso, um den Kindern und Jugendlichen in diesem bitterarmen afrikanischen Land eine Perspektive zu geben.

Von Hanna Kastendieck

Sie steht am Flughafen. In der Hand einen Koffer. Darin eine Gabel, ein Messer, einen Teller, ein paar Kleider, zehn Bücher, die Zahnbürste. Es ist alles, was sie noch besitzt. Sie fühlt sich reich. So reich wie nie zuvor. Weil sie jeden Ballast von sich geworfen hat. Das Haus, die Bilder, die Schränke voller Porzellan. Die Steuernummer, Rentenversicherung, alle weiteren Verbindlichkeiten. Sie fühlt sich frei. So frei wie noch nie. Alles, was ihr Leben bislang bestimmt hat, lässt Katrin Rohde in Deutschland zurück. Sie will nichts mehr haben. Sie will nur noch sein. Tun, was sie für richtig hält. Ohne zu fragen, was andere von ihr denken. Dann steigt sie in die Maschine nach Afrika.

 zgbdc5-6acw84vaxzc8e6jacfi-original

Sie hat einen Traum, den sie verwirklichen will. Sie möchte in einem Land leben, in dem die Menschen bunt und fröhlich sind, das Heute leben und nicht die Probleme von morgen. Sie will ein Teil dieser Kultur werden und dort anpacken, wo die Armut zu Hause ist.

Diese Entscheidung liegt 21 Jahre zurück. Inzwischen ist die gebürtige Klein-Flottbekerin 65 Jahre alt. Einmal im Jahr kommt sie für zwei Monate nach Deutschland, um von ihrer Arbeit in Ouagadougou zu erzählen. Um die Menschen aufzuwecken. Sie zu sensibilisieren für die Kinder in Burkina Faso und Spenden zu sammeln für die zahlreichen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, die sie in den vergangenen 20 Jahren aufgebaut hat: Waisen- und Frauenhäuser, Krankenstationen, Werkstätten, Ausbildungsplätze und Beratungsstellen für Mädchen und Frauen und vieles mehr. Immer nach dem Motto: „Hilfe zur Selbsthilfe.“

„Mama Tenga“, so nennen sie die Kinder in Ouagadougou. „Mutter Vaterland“. Weil sie den Kindern und Jugendlichen Geborgenheit und Wärme, Raum zum Wachsen und Gedeihen, einen sicheren Ort gibt, an dem sie sich entfalten können und lernen, ihr Leben in die Hand zu nehmen. „Das ist in Afrika nicht ganz leicht“, sagt sie, „manchmal auch ziemlich frustrierend.“ Weil es in diesem Land eine viel zu komplizierte Bürokratie gebe und unerträgliche Ungerechtigkeit, die es ständig auszugleichen gelte. „Die große Kunst ist, nicht zu verbittern“, sagt sie. „Man muss lernen, zu verzeihen.“

Das tut sie, immer wieder. Weil es sich lohnt, wie sie findet. Und dann erzählt sie von den Mädchen, 60 sind es inzwischen, die in ihren Häusern zu Krankenschwestern ausgebildet worden sind. Sie erzählt von einem kleinen Jungen, der plötzlich auf ihrem Hof stand. Seine Mutter war gerade gestorben. Sein Vater war Alkoholiker. Das Kind war fünf. Sie nahm ihn auf. Heute studiert der junge Mann Informatik an der Universität. „Ein Kind braucht ein Zuhause, Liebe, um später etwas zu sein. Wie willst du ein Herz haben, wenn du nie eins gesehen hast?“

Die eigene Kindheit habe sie geprägt, sagt sie. Es sei ein liebevolles Elternhaus gewesen, behütet. Die Erziehung an der Rudolf-Steiner-Schule war weitherzig und weltläufig. Noch während der Schulzeit geht sie nach Oxford, macht dort ihr Abitur. Mit 24 Jahren eröffnet sie in Plön eine Buchhandlung. Sie bekommt einen Sohn, John, trennt sich vom Vater, erzieht allein. Mehr durch Zufall kommt sie auf das Thema Afrika. In einem Asylantenheim in der Stadt erkrankt einer der Bewohner, ein Afrikaner. Die Ärzte sind ratlos, weisen den Mann in die geschlossene Psychiatrie ein. Katrin Rohde erkennt, wie gefährdet der Mann ist, nimmt Kontakt zur Familie in Burkina Faso auf. Sie solle kommen, bittet man sie, ein traditionelles Medikament holen, sonst werde der Mann sterben. „Also bin ich nach Afrika geflogen.“ Vor Ort erkrankt sie an einer schweren Meningitis. Ein Zöllner nimmt sie mit zu seiner Familie, die sie gesund pflegt. Zum Dank verspricht sie, in Deutschland Geld zu sammeln, um eine Schule zu bauen. Das Medikament für den Afrikaner in der Tasche kehrt sie zurück nach Deutschland. Sie hat eine andere Welt gesehen. Menschen, die bitterarm sind, aber zufrieden. Sie spürt, dass auf sie eine neue Aufgabe wartet. Also sammelt sie in Deutschland Geld, um den Schulbau in Burkina Faso zu unterstützen. Alle drei Monate fliegt sie nach Afrika, um zu sehen, wie der Bau vorangeht. Irgendwann beschließt sie, für immer zu gehen.

Von dem Geld, das ihr der Verkauf der Buchhandlung eingebracht hat, erwirbt sie ein Grundstück in Ouagadougou. Jede Nacht zieht sie durch die Stadt, spricht mit den Straßenjungen. Kurze Zeit später hat sie die ersten neun Kinder bei sich wohnen. 1996 baut sie das erste Waisenhaus, nimmt weitere 20 Kinder auf. Inzwischen leben 280 Mädchen und Jungen in den Einrichtungen von A.M.P.O.. Sie sind zwischen null und 18 Jahren alt, Waisen, Halbwaisen, verlassene und misshandelte Kinder – alle leben hier gemeinsam. Sie sind genügsam und fröhlich, erhalten täglich drei Mahlzeiten und werden medizinisch versorgt. Und sie lernen, dass sie eines Tages allein zurechtkommen müssen.

Finanziert wird das Projekt durch Spenden. Gemeinsam mit ihren Freunden in Deutschland hat Katrin Rohde den Verein Sahel e.V. gegründet, sie hat einen Afrikaner geheiratet, eine kleine Hütte bezogen, ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein Gästezimmer. Das reicht ihr. Sie, die alles geben möchte, musste aber auch lernen „Nein“ zu sagen. „Ich kann nicht jedem Kind helfen“, sagt sie. Aber einigen. Sie wachsen behütet auf, gehen zur Schule, machen einen Abschluss und übernehmen später die Verantwortung in den Einrichtungen. Auf diese Weise soll das Projekt von „Mama Tenga“ zu einem der Afrikaner werden. Sie weiß, dass sie den Menschen dort viel geben kann.

Sie weiß aber auch, dass sie viel zurückbekommt. Erfahrungen und Einsichten, die sie bereichern und von denen sie den Kindern in Deutschland erzählt, wenn sie einmal im Jahr hier zu Gast ist. Oft wird sie von Jugendlichen gefragt, was sie aus ihrem Leben machen sollen. Sie sagt dann: „Such dir einen Platz, schalte dein Handy aus und tue eine Stunde einfach mal gar nichts. Das wiederhole noch ein paar Mal. Und du wirst hören, was dein Herz dir sagt.“

Beitrag weiterempfehlen