Ein Schweizer in Burkina Faso

Reisebericht Dr. Urs Herzog aus Basel

Dr. Urs Herzog und Katrin Rohde

Ouagadougou, 18. – 25. Januar 2017

„Nach manchen Jahren ohne wirkliches Afrika (Schwarzafrika) endlich wieder dorthin fahren zu können, wo Platz ist, um helfen zu können, hat Kräfte und auch etwas Mut benötigt. Dies weil ich nicht mehr der bin, der ich einmal war. Ich bin älter geworden, gehe keinem regelrechten Beruf mehr nach und die Gesundheit hat Haare gelassen. Dennoch wollte ich mir diese Reise nach Burkina Faso, sozusagen als Medizin für Geist und Körper, gönnen. Ich hatte dank der glücklichen Beziehung zur The DEAR Foundation, einem großen Geber von A.M.P.O, eine „Aufgabe“ als nicht offizieller medizinischer Berater angeboten bekommen. Schon im Vorfeld ergab sich aus so mancher Telefondiskussion und einem echten halbtägigen Workshop die Aufgabe, herauszufinden, wie und wo und mit welchen Mitteln, wir im Projekt A.M.P.O. (Association Managré Nooma Pour la Protection des Orphelins) von Katrin Rohde, die Frühdiagnostik des Brustkrebses umsetzen sollen. Eine Fragestellung die sich für eine Afrikareise nicht wahrlich aufzwingt.

Die Reise für einen Basler über Zürich ließ sich gut machen. Dann mit Air France über Paris nach Ouagadougou. Die Hauptstadt von Burkina Faso kannte ich nicht. Ich wurde vom Fahrer von AMPO nach Hause ins Gästezimmer gefahren, legte mich hin und schlief bestens.

Der erste Tag war einer kurzen Vorstellung vieler netter afrikanischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorbehalten und einer ersten Begegnung in Afrika mit Katrin Rohde – Mama Tenga. Wir kannten uns schon von einem ihrer Besuche in Basel. Maman ist eine weiße Afrikanerin, sympathisch, wie ich sie bereits kannte, energisch und klar im Auftreten, jedoch stets mit einem größeren oder kleineren Hauch Mutter Aller. Nach einem ersten Frühstück und manchen Begegnungen bin ich zu Hause angekommen. Es war wie damals, als ich vor über 35 Jahren in Kamerun Ähnliches erfuhr. Die Leute in AMPO sind freundlich, sauber gekleidet, hilfsbereit, informationsfreudig, witzig, gar mit verstecktem Schalk. Die Umgebung ist sauber und rein, keine Unordnung und (fast) alles hat seinen ordentlichen Platz. Das Frühstück war lecker, der Kaffee köstlich.

Einmal den Hunger und Durst gestillt ging es an die Arbeit, zusammen mit einem mitgereisten Filmteam von Takepart, Thema war: Frühdiagnose des Brustkrebses in Burkina Faso, Behandlung wie und wo und wie gehen die Frauen, die Ehemänner, die engere und weitere Familie mit dieser Diagnose um. Filmen im Ambulatorium, in zwei neu hergerichteten sauberen und karg (Klimaanlagen war jedoch vorhanden) eingerichteten Räumen. Frauen wurden für Brustuntersuchungen vom Personal unkompliziert mobilisiert, die Selbstuntersuchung gelehrt (und hoffentlich auch verstanden). Karzinompatientinnen und ihre Familien wurden in ihren Quartieren besucht, befragt und immer und immer wieder gefilmt. Fragen wurden solange wiederholt bis die zum Inhalt des Films adäquaten Antworten aufs Tonband fixiert werden konnten. Letztlich wurde auch der Cancerologe, Dr. Zongo, in seinem Büro des Centre Médical Protestant Schiphra interviewt und um seine Ansichten und Behandlungsvorschläge befragt. Alles im Kasten – visuell / akustisch? Erst die Betrachtung wird es zeigen und dann auch an den Tag bringen, ob das gesammelte Material für die Projektimplementierung auch zu gebrauchen ist. Letztlich müssen Bilder Geschriebenes ersetzen, können doch (zu) viele Frauen und Männer weder lesen noch schreiben (Analphabetenquote in BF immer noch 72%). Die Ansprüche an den Film sind groß. Nur der fertige Film und seine Reaktion vor Ort, also in Burkina Faso, kann diese Frage beantworten. Das Film- und Interviewteam überall hin begleitend nutzten Denis, der Leiter der Krankenstation, und ich die Zeit, uns über administrative Fragen des Projekts zu unterhalten: wie soll ein allfälliger Fragenkatalog aussehen, wie sollen die Frauen freiwillig zur Untersuchung mobilisiert werden oder auch was wird im Ambulatorium an Kleinmaterial (Stethoskope, Blutdruckapparate, Waagen für Kleinkinder und Erwachsene usw.) dringend benötigt. So verging die Wartezeit im Flug und wir konnten so schon manche Detailfrage lösen. Ich habe Dénis € 500.- für die dringende Anschaffung von solchem Material gegen Quittung in die Hand gegeben und er überreichte mir eine Liste für weiteres Material, welches ich hier in der Schweiz beschaffen werde, um es dann nach Plön zu senden. Im nächsten Container wird dieses dann das Ziel sicher erreichen. Diese große Aufgabe wurde mit außerordentlich viel Hingabe und Geduld gelöst.

Der zweite Teil unseres Aufenthalts galt dem Besuch der von Katrin Rohde ins Leben gerufenen Projekten.

P.P.Filles Prudence et Pouvoir / Filles finden wir in einem Aussenquartier von Ouagadougou. Auch hier treffen wir auf ordentliche und saubere Verhältnisse, nichts wird dem Zufall überlassen, auch hier nur freundliches Lächeln aller Anwesenden, seien dies Angestellte oder Frauen, die für einen Kurs präsent sind. Eine stolze Direktorin, die Soziologin Madame Ouedraogo Hedwige, zeigt uns ihre Wirkungsstätte, welche folgende Aufgaben wahrnimmt: Aufklärungsveranstaltungen für tausende von Mädchen und Frauen jährlich, in Schulen und vor Ort vor, hilft den Weltfrauentag zu organisieren, vergibt Mikrokredite an Frauen, die sie instruiert und überwacht, nachdem vorher intensive Abklärungen seitens AMPO durchgeführt wurden – noch seriöser kann dies wohl kaum geschehen. Im laufenden Jahr sollen über Sensibilisierungsveranstaltungen letztlich auch Kreditvergaben an Frauen in den umliegenden Dörfern möglich werden. Die Evaluation liegt teilweise auch in den Händen einer jungen Frau, die von Katrin diesbezüglich ehemals unterstützt wurde. Das Cinémobile reist außer in der Regenzeit das ganze Jahr über durch die Provinz und zeigt Filme zur Aufklärung: AIDS-Vorsorge, Hygiene, Kinderkrankheiten, Beschneidung, Frauenrechte.

Die Krankenstation

Unter Leitung von Dénis Yameogo werden jährlich ca. 50.000 (!) Patientinnen und Patienten betreut (2/3 sind Kinder und 20% Frauen). 2/3 kommen aus Ouagadougou selbst, ca. 8’000 aus einem Umkreis von bis zu 9 km und über 2’000 von weiter weg wie 10km. Malaria und Atemwegserkrankungen in allen Altersgruppen und Magen-Darmaffektionen bei den Kindern führen die Diagnoseliste an. Auch hier ein großartiger Eindruck von einem geordneten Ablauf in den vier sauber gehaltenen, Sprechzimmern, mit strahlenden und einen kompetenten Eindruck hinterlassenden Mitarbeiterinnen. Die Spezialeinrichtungen für Zahnmedizin sind vorhanden und müssen mit dem nur allernötigsten und teils havarierten Material zu Recht kommen. (Erinnerungen an die Zahnarztpraxis in Kashikishi/Sambia werden mehr wie wach); dasselbe gilt für die Gynäkologie. Nur die augenärztliche Abteilung bedarf einer dringenden Modernisierung – die Apparate scheinen in keinster Weise mehr zu genügen und Ersatz ist mehr wie dringend gefragt. Die Versorgung mit Occasionsbrillen aus Deutschland ist gewährleistet, doch scheint der Bedarf an Brillen kleiner wie die Riesenauswahl. In den neu zubereiteten Räumen sollen fortan die Screening-Untersuchungen für Brustkrebs stattfinden. Speziell geschultes Fachpersonal soll mithelfen, den Brustkrebs frühzeitig zu erkennen, um auf diese Weise die Frauen rechtzeitig dem in Ouagadougou tätigen Chirurgen, Dr. N. Zongo, zur Behandlung zuweisen zu können.

Haus Mia-Alma

Patchworkarbeiten aus der Schneiderei im Projekt MIA/ALMA

Auch außerhalb der Stadt findet sich ein weiteres Bijou, das seit 18 Jahren unter der erfolgreichen Leitung von Herrn Nana Souleymane, genannt Chouchou, steht. Das große Heim – eine Zusammenführung der Häuser Mia und Alma – strahlt. Wir werden von Chouchou und einer Gruppe junger Frauen und kleiner Kinder herzlich empfangen. Mama Tenga steht wohl zu Recht im Fokus, denn sie hat für die 50 jungen Mädchen und ihren Kindern, die von zu Hause verstoßen wurden, einen Hort der Ruhe und des Friedens geschaffen. Den jungen Frauen wird nicht nur eine Zukunftsperspektive versprochen, sondern auch gehalten. Mit psycho-sozialer Unterstützung, der Möglichkeit, eine Ausbildung (Schneiderin/Köchin) zu erhalten wird darauf hin gearbeitet, dass ein geregelter Tagesablauf gelebt werden kann und auch wieder Kontakt zu ihren Familien geschaffen wird. Wir sahen uns die Schneiderei, die Küche, den Kindergarten, die Pflanzungen und das durch die Clariant-Foundation finanzierte Gästehaus an. Wiederum voll des Lobs und beeindruckt, was im Grunde genommen mit wenig erreicht werden: Herzblut, Vertrauen, Fachwissen und Zukunftsperspektive sind Schlagworte, die hier im Vordergrund stehen.

Die Rollstuhlwerkstatt

Erst 2009 wurde Burkina von der WHO als poliofrei zertifiziert. Vorher litt das Land, zusammen mit seinen Nachbarstaaten, an der so gefürchteten Krankheit. Die Folgen sind nicht zu übersehen. Hilfe zur Selbsthilfe war angezeigt und so entstand unter der kompetenten Leitung von Edouard Ouedraogo die Rollstuhlwerkstatt, in welcher die großartigen Behinderten-Dreiräder entstehen. AMPO vergibt im Jahr ca. 150 solche Dreiräder und Rollstühle an Bedürftige, zudem werden über das Zusatz-Projekt „Handicap-Mobil“ in ganz Burkina Faso Reparaturtage mit lokalen Behindertenorganisationen organisiert. Diese ambulante Werkstatt sollte ersetzt werden, denn das Jetzige Fahrzeug ist mit seinen 17 Jahren am Ende. Anlässlich eines Treffens mit den Präsidenten der lokalen Rotaryclubs konnten an einem Kennenlernabend spontan sieben Dreiräder für Behinderte finanziert werden. Das ist mehr als gut, denn aus dem ganzen Land erreichen AMPO Anfragen nach diesen Gefährten, die eine Resozialisierung ermöglichen und den Menschen ein Strahlen ins Gesicht schreiben -. so auch bei den drei Mitarbeitern der Rollstuhlwerkstatt. Die neueste Entwicklung erlaubt auch den Bau individuell angepasster „Maschinen“, inklusive für Kinderdreiräder.

Tondtenga

„Unsere Erde“ nennt sich die Landwirtschaftsschule und die Unterstützung der dazugehörigen Kooperativen. Dort erfahren zurzeit 50 junge Männer im Alter von 16-24 Jahren eine zweijährige Ausbildung in biologischem subtropischem Landbau. Die ausgebildeten jungen Männer werden bei der Gründung von Kooperativen in ihren Heimatdörfern unterstützt. Die Ausbildung umfasst Viehzucht, Feldbau während der Regenzeit (Juni-Oktober), Gartenwirtschaft in der Trockenzeit und Baumschule. Der Anbau von Mais, Hirse, Erdnüssen und Bohnen erfolgt in der Regenzeit, derjenige von Tomaten, Salat, Auberginen, Zucchini, Zwiebeln und auch Blumen in der Trockenzeit, wobei eine permanente Wasserversorgung über drei Brunnen garantiert ist. Nach Verlassen der Schule werden den Jungbauern und ihren Kooperativen jeweils Brunnen, Werkzeug, Pflüge, Kleinvieh, Saatgut, Zäune, Eimer und ein Eselskarren zur Verfügung gestellt. Sie gründen eine kleine Biofarm als Beispiel für ihre Nachbarn. Dieses Projekt ist aktuell in der Phase der Neuorganisation und dies ist augenfällig. Vieles ist bereits gut, doch wird sich im Laufe des Jahres mit Sicherheit eine Verbesserung der lokalen Projektgegebenheiten einstellen.

Stadt Ouagadougou

Markttreiben in Ouagadougou

Die Millionenstadt am Südrand der Sahelzone haben wir – außer bei unseren Fahrten zu den AMPO-Projekten kaum gesehen. Ein Nachtessen down town hat keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Im Januar, bei Tagestemperaturen zwischen 35 und 40 C°, aber trockener Luft, hat sich der Alltag unkompliziert gestaltet.

Audienz beim Staatspräsidenten Roch Marc Christian Kaboré

Eine für AMPO wichtige Begegnung durften wir miterleben: eine Audienz beim Staatspräsidenten, den Katrin schon früher her kannte und er sie. Nach kurzer Wartezeit vor dem riesigen Palast wurden wir ohne nähere Kontrolle unserer Papiere in das Vorzimmer geleitet, um dort zu warten bis die Türe in das prachtvoll eingerichtete Audienzzimmer geöffnet wurde. Fernsehen, Fotografen und Reporter waren ebenfalls zugegen als der Präsident eintrat: Diejenigen, welche bereits im Audienzsaal anwesend waren wurden mit einem Handschlag begrüßte, bevor er Katrin, Chouchou und Sevim bei deren Eintreten persönlich willkommen hieß. Nach einem kurzen Wortwechsel, in welchem Katrin auf AMPO und die Unterstützung aus Europa und die fehlende Wahrnehmung durch den Staat aufmerksam machte und der Präsident ein verbales Zugeständnis für Unterstützung von AMPO ablegte, war die Übergabe einer Decke aus dem Hause Mia-Alma der feierlichste Moment des Treffens. Zum Abschluss war ein Foto-Shooting mit dem Präsidenten angesagt und wir kehrten reich an neuen Eindrücken zurück in unseren Alltag im Schosse von A.M.P.O.

Treffen mit den Präsidenten der Rotary Clubs aus Ouagadougou

Grund für dieses Treffen war nicht nur rein rotarischen Interessen gewidmet, sondern sollte auch ermöglichen, die Arbeit von Katrin einem größeren Kreis an möglicherweise einflussreichen Rotariern bekannt zu machen. In Vorarbeit konnte ich aus der Schweiz aus ein Treffen mit allen sieben Präsidenten der sieben Stadtclubs, dem Assistant Governor und dem E/MGA (Endowment and Major Gift Advisor) organisieren. Rotarier aus Ouagadougou waren an diesem Abend für ein Referat von Katrin und ein Nachtessen ins AMPO – Restaurant gekommen. Das Staunen über die Arbeit von AMPO war groß und Katrin konnte an diesem Abend den einen oder anderen sicherlich fruchtbaren Kontakt knüpfen. In einem abschließenden Aufruf bat ich um Unterstützung für AMPO allgemein, für das Mamma-Ca Screening Projekt und unser Unicef-Projekt mit den Geburtsurkunden. Um nicht unverrichteter Dinge nach Hause zurück zu kehren folgten die Rotarier dem Aufruf, spontan Dreiräder zu kaufen: sieben in der AMPO – Werkstatt hergestellte Dreiräder wurden an diesem Abend gekauft. Nicht nur ein großartiger Abend wird in Erinnerung bleiben, sondern auch neue Kontakte wurden geschaffen, über welche AMPO hoffentlich auch in Zukunft eine Unterstützung erfahren wird.

Fazit

Eine kurze Reise mit reichen und nachhaltigen Eindrücken. Das Projekt AMPO in all seinen vielen Facetten ist nachhaltig und vorbildlich und ich hoffe, dass ich nochmals dorthin fahren darf und kann.“ (Dr. Urs Herzog)

 

 

 

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