Sommerferien im Waisenhaus

Praktikumsbericht von Anke Ziegler

Ein langes Schuljahr ist zu Ende und die großen Ferien brechen an. Auch das Wetter ändert sich und die Vorboten der bald beginnenden Regenzeit bringen erste erfrischende Schauer. Für die Mädchen und Jungen im Waisenhaus ist die Freude über die bevorstehenden Ferien wie bei wohl allen Schulkindern der Welt groß. Ferien sind hier keinesfalls mit Langeweile verbunden. Normalerweise brechen die Kinder ins Sommerlager in den Norden Burkinas auf. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Das Ferienlager muss aufgrund der unsicheren Lage, die bedauerlicherweise in weiten Teilen des Landes herrscht, abgesagt werden. Die Enttäuschung bei den Kindern mag groß sein, doch man merkt sie ihnen nicht an. Mit Gleichmut und Gelassenheit nehmen sie die etwas anderen Sommerferien an und lassen sich begeistert auf das Workshop-Programm ein. Während die Mädchen vormittags mit  traditionellem afrikanischen Tanz beschäftigt sind und mit großer Hingabe lange Tanzfolgen einstudieren, üben die Jungen ein selbstgeschriebenes Theaterstück ein und erlernen mit Lehrern der Musikschule beim Djembé-Spiel die komplexen westafrikanischen Trommel-Rhythmen. Ob afrikanischer Tanz oder Trommel-Spiel, Musik liegt den Kindern einfach im Blut. Ein Tag ohne Musik unvorstellbar. Auch ich werde aufgefordert mitzumachen und selbst wenn ich ziemlich lustig mit meinen unkoordinierten Bewegungen ausgesehen haben mag, alle sind voll des Lobes und bescheinigen mir großes Talent. In Deutschland würden Kinder hinter vorgehaltener Hand kichern, hier in Burkina ist das anders. Die Mädchen zeigen mir geduldig alle Schritte, nehmen mich immer wieder an die Hand und ermutigen mich, weiter mitzumachen und fragen jeden Tag, ob ich am Folgetag auch wieder kommen würde. Es ist gar nicht so einfach, allen gerecht zu werden, denn auch bei den Jungen werde ich täglich zum Djembé-Spiel erwartet und damit ich mithalten kann, bekomme ich den Trommelpausen Einzelunterricht. Soviel Musik und Tanz hätte ich nie erwartet, gehören hier aber ganz selbstverständlich dazu.

Natürlich wollen die Kinder von mir wissen, ob ich ihnen deutsche Tänze beibringen kann. Aber da muss ich passen. Zur Widergutmachung biete ich an, mit ihnen Yoga zu machen. Yoga ist bei den Burkinabé nicht verbreitet. Man hat den Begriff zwar schon gehört, aber kann sich nicht viel darunter vorstellen. Und so beginnen wir mit den täglichen Yoga-Stunden. Mit großer Konzentration lassen sich die Kinder auf Atemübungen, Mantren-Singen und Yoga-Positionen ein. In Deutschland wäre es undenkbar mit einer so großen Gruppe von Kindern aller Altersstufen Yoga zu machen. Hier ist das anders. Die Kinder sitzen ruhig und diszipliniert im Halbkreis um mich herum und kein Laut ist zu hören. Yoga-Ausstattung wie Matten, Blöcke etc. sind vollkommen überflüssig. Auch der harte Steinfußboden stört niemanden. Bei deutschen Kindern wäre das Gestöhne und Gejammer groß, wenn sie  auf nacktem Boden Übungen machen müssten. Hier nehmen die Kinder alle Yoga-Asanas dankbar an, wollen sogar korrigiert werden, um die Ausführung zu perfektionieren. In den Pausen werde ich von einigen Mädchen belagert. Sie wollen unbedingt die von mir vorgesungenen vedischen Mantren auswendig lernen. Und ich frage mich, wo sie nur all die Energie hernehmen bei dieser Hitze… Zur Belohnung gibt es nach der Yoga-Stunde eine Massage. Mit aus Deutschland mitgebrachten Massagebällen werden gegenseitig alle Körperpartien massiert und dabei spielt es keine Rolle, dass die Kinder auf dem harten Steinfußboden liegen. Die Entspannung ist in allen Gesichtern ablesbar. Große Begeisterung kommt auf, als ich Rahmen einer Herz-Yoga-Stunde einige Stethoskope verteile. Das Abhorchen des eigenen Herzens und das der Freundinnen macht allen große Freude und die strahlenden Kinderaugen beim „Doktor-Spiel“ werde ich sicher nie vergessen.

Neben all den Aktivitäten kommen die „normalen“ Beschäftigungen selbstverständlich nie zu kurz. Immer bleibt genügend Zeit, um kunstvolle Frisuren zu flechten, Ball zu spielen, die gemeinsamen Schlafräume aufzuräumen oder aber auch Wäsche zu waschen, denn jedes Kind ist für das Waschen seiner Kleidung selbst verantwortlich. Auch die abendliche Soap gehört zum Alltag der Kinder. Um punkt 19:00 Uhr werden von den großen Mädchen die beiden Flügeltüren des Fernsehschrankes geöffnet und dann sitzen zwischen 50 und 60 Mädchen dicht gedrängt vor dem Fernseher und warten sehnsüchtig darauf, dass sich die Filmlieblinge doch endlich küssen mögen. Hingebungsvoll seufzend tauchen die Mädchen in die romantische Schlussszene ein und warten gespannt auf die Fortsetzung am Folgetag.

Irgendwann kommt die Zeit des Abschiednehmens, denn wie in jedem Jahr verlassen die Kinder während der Sommerferien das Waisenhaus für vier Wochen, um Zeit mit ihren Verwandten zu verbringen und die sozialen Kontakte zu den Familienangehörigen zu pflegen und zu erhalten. Der Abschied auf Zeit aus der AMPO-Familie fällt allen schwer. Die Kinder wissen, dass sie sich in wenigen Wochen wieder sehen, für mich wird es wohl etwas länger dauern. Aber ich werde ganz bestimmt zurückkehren.

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